Aschenputtel von Alfred Hitchcock

Hessisches Staatsballett: „Aschenputtel“ von Tim Plegge, Musik von Sergej Prokofjew und Jörg Gollasch; Samstag 05. Dezember 2015, Staatstheater Darmstadt, (Premiere 13. Februar 2015)

Tim Plegge wertet die Vögel auf. Sie sind nicht mehr nur wie im Märchen Helfer in der Not, sondern Himmelsboten, Repräsentanten einer anderen Welt und Impulsgeber für Aschenputtel. Und auch Jörg Gollasch begreift die Vögel als zentrales Element und komponiert für ihre Bühnenauftritte Musik, die durchaus in einem Film von Hitchcock oder Poe (Rabe Nimmermehr) spielen könnte.

Mit Aschenputtel präsentiert der Ballettdirektor des Staatstheaters Darmstadt sein erstes abendfüllendes Stück mit dem Hessischen Staatsballett. Sein Konzept, die Vögel aufzuwerten und als Leitmotiv durch das Märchen zu verwenden, geht auf. Sobald die Vögel die musikalische und tänzerische Bühne betreten, gewinnt das Ballett an Geschwindigkeit und erhält die nötige Dramatik. Weg vom altbekannten und klischeehaften, das gewisse Längen aufweist, weil zu oft schon gesehen und gehört. Aschenputtels farbloser Vater, der weder versteht, um was es geht, noch genug Arsch in der Hose hat, seine leibliche Tochter zu verteidigen, die missgünstige Stiefmutter und die intriganten Stiefschwestern. Sie alle sind erwartbar. Die Vögel hingegen als dunkle wie helle Macht, als Szenario Hitchcocks ebenso wie als Boten der Mutter, die ebenfalls eine überraschend erfreulich kraftvolle Rolle erhält und starke tänzerische Auftritte hat. Die Idee den Prinzen ebenfalls mittels eigenständiger psychologischer Rolle und Entwicklung präsenter zu machen, funktioniert nur ansatzweise, zu platt die Analogie zwischen seiner Sehnsucht nach Raum und Freiheit und seiner Einkleidung in ein Raumkostüm. Dennoch auch hier der Versuch, einen Schritt aus dem Denkrahmen des klassischen Märchens herauszutreten. Insgesamt ein gelungenes Stück, das das Märchen Aschenputtel nur noch als Frame benutzt, um sowohl archetypische Subtexte aufzugreifen als auch einen traditionellen Stoff in die Jetztzeit zu transferieren. Die Musik von Gollasch wirkt dabei fast belebender als die von Prokofjew, auch wenn dies natürlich eine gewagte Aussage ist, ein gewagter Vergleich und man vielleicht besser sagen sollte, dass die beiden sehr konträren Musiken gut ineinander greifen und sich wechselseitig befruchten. Positiv hervorzuheben sind auch die Kostüme, die die Bedeutung der Vögel ebenfalls unterstreichen und insgesamt angenehm minimalistisch und zugleich raffiniert sind – bis auf den genannten Raumanzug. Erfreulich viele Kinder unter den Zuschauern, Mädchen wie Jungen und verdient langer Applaus.

Ausdruckstanz

L-E-V: House im Staatstheater Darmstadt

Aufführung am 14.3.2015

Die Kompanie L-E-V, was im hebräischen Herz bedeutet, wurde 2013 von Sharon Eyal und Gai Behar gegründet. Die Choreographien entstehen aufgrund der auf der körperlichen Wahrnehmungsschulung beruhenden Gaga-Technik, wobei die erste Assoziation zu Gaga durchaus ernstzunehmend ist, denn es handelt sich um eine Vermittlung von Ursprünglichem, Kindlichem. Aber auch wenn von Choreographie die Rede ist, versteht sich Sharon Eyal nicht als Choreographin, sondern als Kanal, durch den Ausdruck fließt. Und auch der Titel „House“ ist mehr dem Markt geschuldet, der eben einen Titel zur Ankündigung verlangt, denn einer inhaltlichen Ausrichtung. Eyals Stücke sind frei und in Bewegung, Eyal kreiert Stimmungen und Momente wie „Puder, den man in die Luft schmeißt.“ Wenn Emotionen auf die Bühne bringen allerdings meint, 60 min. sexualisierte Gewalt darzustellen, ist das doch ein sehr begrenztes Verständnis von der menschlichen Emotionalität und Ausdrucksfähigkeit. Hart an der Grenze zur Pornographie, hart an der Grenze zu SM, hart an der Grenze des Ästhetischen, über die Grenze des auditiv Erträglichen hinaus (db ++). Wer Pina Bausch kennt und weiß, was Ausdruckstanz zu leisten vermag, wird enttäuscht sein. Es langt eben doch nicht, ein paar trainierte Körper auf die Bühne zu werfen und zu hoffen, dass diese schon irgendwie ihren Ausdruck finden werden.

Bisse sind Küsse – oder doch nicht?

Penthesilea – Trauerspiel von Heinrich von Kleist; Staatstheater Darmstadt, Premiere 28.11.2014, letzte Vorstellung 26.02.2014

„Achill ist eine Penthesilea als Mann, Penthesilea ein Achill als Weib. Letztlich sind sie beide Mann und Weib in einem“ (Gundolf 1924). Vielleicht ist es dieser Gedanke, der Simone Blattner (Regie) dazu veranlasst hat, beide Rollen mit Frauen zu besetzen. Und Nadja Stübiger gibt einen würdigen Achill. Zusammen mit ihrem Counterpart Penthesilea (Jeanne Devos) kommen Raserei und Wahnsinn auf die Bühne. Das Publikum wird einbezogen, ein Teil sitzt auf der Bühne und wird zu Griechen, die Zuschauer im Saal sind Amazonen.

Doch von Vorne: In Heinrich von Kleists Drama aus dem Jahr 1808 stehen die Leidenschaften des Einzelnen im Widerspruch zu einer (fragwürdigen) Gesellschaftsordnung. In diesem Fall die Gesellschaftsordnung der Amazonen, eines kriegerischen Frauenvolkes, die keine Männer dulden und denen durch den Gott Mars männliche Gegner auf dem Kriegsfeld zugedacht werden, die gefangen genommen werden, einzig dazu dienen Nachwuchs zu zeugen und dann wieder in die Freiheit entlassen werden.

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„Das Hören auf den Kopf stellen“

Odyssee – Oper von Claudio Monteverdi: Il ritorno d’Ulisse in patria, Text von Giacomo Badoaro, Prolog von Luigi Nono: No hay caminos, hay que caminar

Staatstheater Darmstadt, Sondervorstellung 23.1.2015, Premiere 25.9.2014, letzte Vorstellung 28.2.2015

David Pichlmaier in der Rolle des Ulisse ist eine Offenbarung. Die Zusatzvorstellung wegen großer Nachfrage ist gerechtfertigt! Der Applaus der Zuschauer schließt den Kreis zu den Fortissimo-Ausbrüchen der Auftaktmusik von Luigi Nono.

Caminante no hay caminos hay que caminar“ sollen die Worte gewesen sein, die der italienische Komponist 1985 an einer Klostermauer in Spanien sah und die ihn in seinen letzten Lebensjahren zu drei Werken inspiriert haben. Es geht um die existentielle Suche, Wege, die durch Bewegung entstehen. Musik, die durch den Raum wandert, Dialoge, die sich zwischen Musikern und Tönen entspannen. Zeit, Raum und Klang werden miteinander verwoben, der Raum wird zum Klingen gebracht, der Klang wird ausgehöhlt und belebt sich neu mit unaufhörlicher Unruhe.

Die Schritte der zunächst leicht verunsicherten Zuhörer werden sicherer, es herrscht eine experimentelle Atmosphäre. Durch die Kellergänge wird das Publikum direkt auf die Bühne geführt und inmitten der Musikergruppen platziert. Sitzen, stehen, gehen, nur die High-Heels nicht klicken lassen, so die einführenden Worte Schneiders, der von Tönen am Rande der Wahrnehmbarkeit spricht, von Monteverdis Bedürfnis, das Publikum in Bewegung zu bringen, was ihm gleichermaßen ein politisches Statement sei.

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paradies. spiel mir das lied vom anfang.

Ein Liederabend von Jacob Suske und Maria Ursprung im Staatstheater Darmstadt

Suske: „Uns interessiert das Paradies als Mythos und Geschichte, nicht als theologische Parabel oder Lehre.“

Ursprung: „Diese Geschichte ist literarisch in einem einfachen Konzept gebaut: Jemand stellt zwei Menschen in einen abgeschlossenen wunderschönen Raum. Da ist nichts außer ein roter Knopf und ihnen wird gesagt, dass sie alles tun dürfen, außer den roten Knopf zu drücken.“

(Auszug aus dem Interview „Auf der Suche nach der Seele eines Liederabends“ im Programmheft zum Liederabend)

Wir wissen, wie die Geschichte weitergeht. Und auch auf der Bühne verläuft alles folgerichtig linear und endet mit dem Biss in die verbotene Frucht und … vermutlich dem immer wieder anklingenden Tod, der ultimativen Vertreibung aus dem Paradies. Während der Komponist Suske im Interview noch anführt, dass es um die Frage gehe, ob es wirklich schlimm sei zu scheitern, ist von dieser Frage im Verlauf des Liederabends nichts mehr zu spüren, außer man betrachtet das Nachdenken als Scheitern, das Zweifeln als Scheitern, den Verbotsverstoß als Scheitern …

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Theater in Darmstadt

Studierende des Studiengangs Onlinejournalismus der Hochschule Darmstadt erkunden Darmstadts Theaterwelt. Herausgekommen ist ein Kaleidoskop an Eindrücken und Einblicken – zu lesen, zu sehen und zu hören unter: https://hochschulprojekt.wordpress.com

Stimmen von Studierenden zum Thema Theater (Auswahl):

Mirijam Friedrich: „Faszinierend ist vor allem seine Echt- und Unverfälschtheit. Keine Theateraufführung gleicht der anderen. Manches gelingt besonders gut, vielleicht auch gar nicht oder es muss sogar improvisiert werden. Dadurch wird jede einzelne Aufführung zu einem unwiederholbaren Erlebnis.“

Lina Frank: „Meine erster Theaterbesuch und ich wusste nicht, was auf mich zukommt. Alles, was mir damals zum Theater einfiel, waren ältere Herrschaften, die in Abendroben mit den schwersten Brillanten beschmückt in diese pompösen Gemäuer pilgern. Also zog ich mein schönstes Kleid an.“

Jan Hongsermeier: “Schauspielerei im Alltag ist der Tod jeglicher Authentizität und Ehrlichkeit.Also lasst sie in Hollywood, auf der Bühne oder der Leinwand.”

Franziska Schuhmann: „Theater ist die Kunst sich in andere Charaktere und Personen zu verwandeln, sich auszuleben als Mensch, der man eigentlich nicht ist, aber doch so einfach sein kann.“

Caroline Link: „Beim Theater gibt es keine zweiten Chancen.“

Lena Klöppinger: „Theater überrascht mich immer wieder“ 

Laura Zachmann: “Es ist der Reiz des Spontanen, denn Theater ist live.”

Inka Gösmann: “Die Mischung aus Theaterschminke, dem Geruch von der Nebelmaschine und das Lampenfieber vor der Premiere sind für mich die Garantie für das Glücklichsein.”

Lisa-Marie Vogler: “Ich bin hin- und hergerissen zwischen herzhaft lachen, zu Tode betrübt und beeindruckt. Wie im echtem Leben halt!”