Therapeutisches Schreiben: Mein Stern

Der Nachtschmetterling und der Stern

Von James Thurber

Ein junger, empfindsamer Nachtschmetterling hatte einst sein Herz einem gewissen Stern zugewandt. Er erzählte seiner Mutter davon, und die riet ihm, statt dessen sein Herz lieber einer Bogenlampe zuzuwenden. „Sterne sind nicht das Rechte, daß man um sie herumhängt“, sagte sie, „Lampen sind das Rechte.“

„Bei Lampen kommt man zu etwas“, sagte sein Vater, „wenn man Sternen nachjagt, kommt man zu gar nichts.“ Aber der Sohn hörte nicht auf die Worte beider Eltern. Jeden Abend in der Dämmerung schickte er sich an, zu dem Stern hinzufliegen, und jeden Morgen bei Tagesanbruch kroch er wieder heim, erschöpft von seinem vergeblichen Bemühen. Eines Tages sagte sein Vater zu ihm: „Du hast dir seit Monaten nicht einen Flügel verbrannt, mein Junge, und es sieht mir ganz danach aus, als ob du es niemals tun würdest. Alfe deine Brüder haben sich schwer verbrannt, beim Rundflug um Straßenlampen, und alle deine Schwestern haben sich arg versengt beim Rundflug um Hauslampen. Also vorwärts jetzt, hinaus mit dir, und laß dich brennen! Ein großer stämmiger Nachtschmetterling-Bengel wie du und noch ohne eine Narbe am Leib.“

Der Nachtschmetterling verließ das Haus, aber er flog nicht um Straßenlampen, und er flog nicht um Hauslampen. Er versuchte sogleich wieder, den Stern zu erreichen, der vier und ein drittel Lichtjahre oder fünfundzwanzig Trillionen Meilen weit entfernt war. Der Nachtschmetterling dachte, der Stern habe sich nur in den Wipfelzweigen einer Ulme verfangen. Er erreichte ihn nie, aber er versuchte es immer wieder, Nacht für Nacht, und als er ein steinalter Nachtschmetterling War, begann er sich einzubilden, er habe den Stern erreicht, und er erzählte es aller Welt. Das erfüllte ihn mit einem tiefen, bleibenden Glück, und er brachte es zu einem hohen Alter. Seine Eltern und seine Brüder und Schwestern waren alle noch in jungen Jahren zu Tode verbrannt.

Schreibimpuls: Wo fliegen Sie jede Nacht hin?

Die Bereitschaft zur Wahrnehmung

In der Annahme, Schreiben habe mit der Bereitschaft zur Wahrnehmung zu tun, ließ Adolf Muschg Studierende eines Schreibseminars eine Übung aus der Gestalt-Therapie durchführen[1]. Die Aufgabe, die er damals stellte und die ich nun Ihnen stellen möchte, besteht darin, sich nackt in einem Spiegel anzureden und zu notieren, was man bei dieser Begegnung sieht, wie man sich erlebt, was man an sich findet und wie die Tatsache, dass man darüber Buch führt, diese Sicht beeinflusst.

[1] Muschg, A. (1981) Literatur als Therapie? Ein Exkurs über das Heilsame und das Unheilbare. Frankfurt/Main: Suhrkamp, S. 40

Wo geht das Licht hin, wenn wir die Kerze ausblasen?

Der Psychophysiker Ernst Mach schreibt in seinem Buch Werk und Wirkung[1], dass sein vierjähriger Sohn ihm eines Abends die Frage stellt, wo das Licht hinkäme, wenn die Kerze gelöscht werde und das Licht nicht mehr in der Stube sei.

[1] Mach, E. (1988) Werk und Wirkung. Wien.

Schreiben Sie eine Geschichte als Antwort auf die Frage des Vierjährigen.

Mit den Augen eines Kindes

Ernst Jünger schreibt über die Tatsache, dass Kinder das Selbstverständliche als unselbstverständlich nehmen: „Es kommt vor, daß uns der Reiz einer alltäglichen Regung wie der des Atmens oder des Gehens bewußt wird, und es gibt Menschen, die Ihn vom frühen Morgen an empfinden; sie haben „ein glückliches Naturell“.[1]

[1] Jünger, E. (1980) Federbälle. Stuttgart.

Wachen Sie morgen als Kind auf und notieren, was für Sie unselbstverständlich geworden ist.

Zwei Schritte nach Osten

Und noch einmal Durrell (aus Balthazar): „Unser Leben gründet sich auf Fiktionen […] Unsere Schau der Wirklichkeit ist bedingt durch unsere Position in Zeit und Raum […] Zwei Schritte nach Osten oder Westen, und das ganze Bild verschiebt sich.“

Was sehen Sie, wenn Sie zwei Schritte nach Osten oder Westen treten?

Die englische Krankheit oder der englische Tod

Eigentlich bezeichnet die englische Krankheit die Rachitis, also eine Veränderung der Knochen bei Vitamin D Mangel.

Aber der Schriftsteller Durrell versteht darunter etwas anderes. Für ihn ist die englische Krankheit (bzw. der englische Tod) die Grundlage aller Krankheiten.

Die Ursache des englischen Todes ist für Durrell die puritanische Erziehung, die es verbietet, das Leben ohne Gewissensbisse zu genießen und es stattdessen in ein sinnlos enges Korsett zwängt.

Schreiben Sie einen Text über ihr ‚englisches Korsett‘ und wie Sie es loswerden könnten.

Das Experiment

„Wir haben keine Wahl […] Du sprichst, als hätten wir eine Wahl. Wir sind weder stark noch schlecht genug, um wählen zu können. All dies ist Teil eines Experiments, das ein anderer unternommen hat, die Stadt vielleicht, oder irgendein Element in uns selbst.“ (Lawrence Durrell „Justine“)

Schreiben Sie einen Text über das Experiment, von dem in dem zitierten Satz aus Durrells „Justine“ die Rede ist.

Wer hat dieses Experiment unternommen? Wie sieht es aus? Welche Rolle spielen Sie darin?

Nicht nachgeben

„Niemals habe ich nachgegeben. Ich habe, was meine Schriftstellerei angeht, einen stark ausgeprägten Willen, und ich werde den Weg gehen, der mir der richtige zu sein scheint.“ (Simenon im Interview über seine Tätigkeit als Schriftsteller)

Ich werde den Weg gehen, der mir der richtige zu sein scheint. Gibt es einen Bereich in Ihrem Leben, auf den dieser Satz zutrifft? Einen Weg, den Sie gegen alle Widerstände gehen oder zu gehen gedenken? Vielleicht mögen Sie einen Text dazu schreiben.

Dumm, aber zufrieden?

„Es ist besser, ein unzufriedener Mensch zu sein, als ein zufriedenes Schwein, besser ein unzufriedener Sokrates, als ein zufriedener Narr.“ (John Stuart Mills)

Was denken Sie: Lieber die Tür zur Erkenntnis aufstoßen oder sogar aufzwingen oder besser unwissend, aber (halb-) zufrieden sein?

Vielleicht mögen Sie dazu einen unperfekten Text schreiben, weil …

„Perfektion ist Lähmung.“ (Winston Churchill)