Die Bereitschaft zur Wahrnehmung

In der Annahme, Schreiben habe mit der Bereitschaft zur Wahrnehmung zu tun, ließ Adolf Muschg Studierende eines Schreibseminars eine Übung aus der Gestalt-Therapie durchführen[1]. Die Aufgabe, die er damals stellte und die ich nun Ihnen stellen möchte, besteht darin, sich nackt in einem Spiegel anzureden und zu notieren, was man bei dieser Begegnung sieht, wie man sich erlebt, was man an sich findet und wie die Tatsache, dass man darüber Buch führt, diese Sicht beeinflusst.

[1] Muschg, A. (1981) Literatur als Therapie? Ein Exkurs über das Heilsame und das Unheilbare. Frankfurt/Main: Suhrkamp, S. 40

Die englische Krankheit oder der englische Tod

Eigentlich bezeichnet die englische Krankheit die Rachitis, also eine Veränderung der Knochen bei Vitamin D Mangel.

Aber der Schriftsteller Durrell versteht darunter etwas anderes. Für ihn ist die englische Krankheit (bzw. der englische Tod) die Grundlage aller Krankheiten.

Die Ursache des englischen Todes ist für Durrell die puritanische Erziehung, die es verbietet, das Leben ohne Gewissensbisse zu genießen und es stattdessen in ein sinnlos enges Korsett zwängt.

Schreiben Sie einen Text über ihr ‚englisches Korsett‘ und wie Sie es loswerden könnten.

Das Experiment

„Wir haben keine Wahl […] Du sprichst, als hätten wir eine Wahl. Wir sind weder stark noch schlecht genug, um wählen zu können. All dies ist Teil eines Experiments, das ein anderer unternommen hat, die Stadt vielleicht, oder irgendein Element in uns selbst.“ (Lawrence Durrell „Justine“)

Schreiben Sie einen Text über das Experiment, von dem in dem zitierten Satz aus Durrells „Justine“ die Rede ist.

Wer hat dieses Experiment unternommen? Wie sieht es aus? Welche Rolle spielen Sie darin?

Nicht nachgeben

„Niemals habe ich nachgegeben. Ich habe, was meine Schriftstellerei angeht, einen stark ausgeprägten Willen, und ich werde den Weg gehen, der mir der richtige zu sein scheint.“ (Simenon im Interview über seine Tätigkeit als Schriftsteller)

Ich werde den Weg gehen, der mir der richtige zu sein scheint. Gibt es einen Bereich in Ihrem Leben, auf den dieser Satz zutrifft? Einen Weg, den Sie gegen alle Widerstände gehen oder zu gehen gedenken? Vielleicht mögen Sie einen Text dazu schreiben.

Dumm, aber zufrieden?

„Es ist besser, ein unzufriedener Mensch zu sein, als ein zufriedenes Schwein, besser ein unzufriedener Sokrates, als ein zufriedener Narr.“ (John Stuart Mills)

Was denken Sie: Lieber die Tür zur Erkenntnis aufstoßen oder sogar aufzwingen oder besser unwissend, aber (halb-) zufrieden sein?

Vielleicht mögen Sie dazu einen unperfekten Text schreiben, weil …

„Perfektion ist Lähmung.“ (Winston Churchill)

Wie wirklich sind wir?

„Wer beginnt, ‚Ich‘ zu sagen, der hat die unsichtbare Welt schon betreten, weil wir alle keine Beweise für uns haben. Weil wir uns alle still und heimlich darauf verlassen, wirklich zu sein.“ (Esther Maria Magnis)

Was  verbinden Sie mit ‚Ich‘?
Worauf verlassen Sie sich?

Wie wirklich sind wir?

Netz mit Löchern

„… und, so Gott will, mir zu der Geschichte verhilft, die ich schreiben will … ich knüpfe immerfort, unbewußt aber doch zielstrebig an einem Netz, in dem die Zufälle des Lebens ihren Platz finden und eines Tages als Muster, als mein Muster kenntlich werden.“

(Monika Maron 2006)

Ruhe und Stille oder Motorausfall?

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, was es bedeuten würde, gar nichts (mehr) zu wollen? Wie würde sich das anfühlen? Wäre es ruhig und still? Oder würde eine wichtige Triebkraft verloren gehen? Ist es nicht das Wollen, das uns Weitergehen lässt, uns eine Richtung gibt?

Schon, wenn Sie denken: „Ich will gar nichts mehr, nur meine Ruhe“ würde diesem Satz ein Wollen innewohnen. Ist das Wollen dem Menschen inhärent? Das Wollen dem Wünschen verwandt, nur stärker?

Vielleicht versuchen Sie sich schriftlich an diesem Gedankenexperiment, beginnend mit dem Satzanfang: „Ich will gar nichts …“

Jeder Mensch ist eine einzigartige Erzählung

„Um wir selbst zu sein, müssen wir uns selbst haben; wir müssen unsere Lebensgeschichte besitzen oder sie, wenn nötig, wieder in Besitz nehmen. Wir müssen uns erinnern an unsere innere Geschichte, an uns selbst. Der Mensch braucht eine solche fortlaufende innere Geschichte, um seine Identität, sein Selbst zu bewahren.“

(Oliver Sacks)