Mit den Augen eines Kindes

Ernst Jünger schreibt über die Tatsache, dass Kinder das Selbstverständliche als unselbstverständlich nehmen: „Es kommt vor, daß uns der Reiz einer alltäglichen Regung wie der des Atmens oder des Gehens bewußt wird, und es gibt Menschen, die Ihn vom frühen Morgen an empfinden; sie haben „ein glückliches Naturell“.[1]

[1] Jünger, E. (1980) Federbälle. Stuttgart.

Wachen Sie morgen als Kind auf und notieren, was für Sie unselbstverständlich geworden ist.

Wie wirklich sind wir?

„Wer beginnt, ‚Ich‘ zu sagen, der hat die unsichtbare Welt schon betreten, weil wir alle keine Beweise für uns haben. Weil wir uns alle still und heimlich darauf verlassen, wirklich zu sein.“ (Esther Maria Magnis)

Was  verbinden Sie mit ‚Ich‘?
Worauf verlassen Sie sich?

Wie wirklich sind wir?

Das Loch in der Straße

Vielleicht kennen Sie folgenden Text, der auf einem Lied von Portia Nelson (There is a hole in my sidewalk) basiert:

Ich gehe eine Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch.
Ich falle hinein.
Ich bin verloren.
… Ich bin ohne Hoffnung.
Es ist nicht meine Schuld.
Es dauert endlos, wieder hinauszukommen.

Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch.
Ich falle wieder hinein.
Ich kann nicht glauben, schon wieder am gleichen Ort zu sein.
Aber es ist nicht meine Schuld.
Immer noch dauert es sehr lange, herauszukommen.

Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch.
Ich falle schon wieder hinein…
aus Gewohnheit.
Meine Augen sind offen.
Ich weiß, wo ich bin.
Es ist meine Schuld.
Ich komme auch sofort wieder heraus.

Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch.
Ich gehe darum herum.

Ich gehe eine andere Straße.

Schreibimpuls: Auf welcher Straße sind Sie aktuell unterwegs?

Ruhe und Stille oder Motorausfall?

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, was es bedeuten würde, gar nichts (mehr) zu wollen? Wie würde sich das anfühlen? Wäre es ruhig und still? Oder würde eine wichtige Triebkraft verloren gehen? Ist es nicht das Wollen, das uns Weitergehen lässt, uns eine Richtung gibt?

Schon, wenn Sie denken: „Ich will gar nichts mehr, nur meine Ruhe“ würde diesem Satz ein Wollen innewohnen. Ist das Wollen dem Menschen inhärent? Das Wollen dem Wünschen verwandt, nur stärker?

Vielleicht versuchen Sie sich schriftlich an diesem Gedankenexperiment, beginnend mit dem Satzanfang: „Ich will gar nichts …“

Angenommen es ginge einmal nicht ums Geld …

Stellen Sie sich vor, Sie haben ausreichend Geld, um davon leben zu können. Nicht so viel Geld, als dass Sie damit große Sprünge machen könnten, aber für ein bescheidenes Leben ist genug da – bis zum Lebensende.

Wie und wo würden Sie leben wollen? Was würden Sie machen wollen – zumal für Sie in dieser phantasierten Situtaion keine Notwendigkeit besteht, Ihren Lebensunterhalt zu verdienen … Schreiben Sie einen Text dazu.

Utopisch? Mag sein – kann aber helfen, Prioritäten zu klären.

Weit und Still

Mit Namibia wird oft der Luxus der Weite und Stille assoziiert. Namibia ist eines der am wenigsten dicht besiedelten Länder der Erde.

Was assoziieren Sie, wenn Sie den Begriff „Luxus der Weite und Stille“ hören?

Vielleicht mögen Sie hierzu einen kleinen Text schreiben …

Time ist free

Time ist free, but it’s never priceless.

You can’t own it, but you can use it.

You can’t keep it, but you can spend it.

Once you’ve lost it, you can never get it back.

(Harvey Mackay)

Kennen Sie die Bohnengeschichte?

Sie wird jedes Mal ein wenig anders erzählt (mal ist es ein Graf, mal ein Bauer, mal ein Mann, mal eine Frau, mal stammt die Geschichte aus Italien, mal aus Japan – aber im Kern bleibt sie gleich). Die bekannteste Version ist wohl diese:

In Italien kursiert die Geschichte von einem alten Grafen, der sehr alt
wurde, weil er ein Lebensgenießer war. Niemals verließ er das Haus, ohne sich eine Handvoll Bohnen einzustecken. Für jede positive Begebenheit, die er tagsüber erlebte – zum Beispiel das Lachen seiner Frau, eine schöne Blume am Wegrand, ein schattiger Platz in der Mittagshitze – ließ er eine Bohne von der rechten in die linke Jackentasche wandern. Abends zählte er die Bohnen aus der linken Tasche und führte sich vor Augen, wie viel Schönes ihm an diesem Tag widerfahren war. Und sogar an einem Abend, an dem er bloß eine Bohne zählte, war der Tag gelungen.

Heute ist mal wieder ein solcher Bohnentag. Sicher kennen Sie das auch: Es widerfährt einem überraschend etwas Gutes und man ist sehr berührt – vielleicht, weil es so unerwartet ist.

Schreiben kann man darüber auch …

Spieglein, Spieglein an der Wand

Das fatale an unserer Selbsteinschätzung ist, dass sie selten stimmt. Mal überschätzen wir uns, mal trauen wir uns zu wenig zu. Mal finden wir uns in Ordnung und sind zufrieden mit uns, dann wieder hadern wir mit allem, was wir machen und sind. Auch der Blick in den Spiegel sagt uns an einem Tag etwas anderes als am nächsten, was nicht unbedingt mit dem tatsächlichen Erscheinungsbild zu tun haben muss. Und natürlich: der berühmte blinde Fleck.

Es gibt zahlreiche psychologische Modelle, die diese Phänomene beschreiben, wie etwa das ‚Johari-Fenster‘ (benannt nach den Anfangsbuchstaben der Namen zweier Sozialpsychologen, die es entwickelt haben), das den Unterschied zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung und bewussten und unbewussten Persönlichkeits- und Verhaltensmerkmalen veranschaulicht.

Ich habe es hier nicht abgebildet, weil es an dieser Stelle nicht um kluge Modelle gehen soll, hinter denen man sich wunderbar verstecken kann. Sondern an dieser Stelle geht es ausschließlich um Sie!

Ich möchte Sie bitten, sich vor den Spiegel zu stellen und sich eine Weile anzusehen. Stellen Sie sich vor, Sie würden diesen Menschen, den Sie im Spiegel sehen, nicht kennen. Ein Fremder. Und nun sind Sie aufgefordert, diesen Menschen zu beschreiben und zwar weitgehend neutral, also ohne zu werten. Sie sind gewissermaßen ein Wissenschaftler, der ein Protokoll anfertigt. Oder ein Zeuge, auf dessen sachliche Beschreibung hin ein Phantombild angefertigt werden soll.

Das Geschriebene lassen Sie bitte ein paar Tage liegen und lesen es erst dann. Danach schreiben Sie (wenn Sie mögen) einen Text, wie es Ihnen mit der Beschreibung, die ja genaugenommen eine Selbstbeschreibung ist, geht. Was Sie empfinden und denken, wenn Sie den Text lesen.

Das Gleiche kann man natürlich auch mit Eigenschaften und Verhaltensweisen machen, aber dazu mehr an einem anderen Tag …