Therapeutisches Schreiben: Mein Stern

Der Nachtschmetterling und der Stern

Von James Thurber

Ein junger, empfindsamer Nachtschmetterling hatte einst sein Herz einem gewissen Stern zugewandt. Er erzählte seiner Mutter davon, und die riet ihm, statt dessen sein Herz lieber einer Bogenlampe zuzuwenden. „Sterne sind nicht das Rechte, daß man um sie herumhängt“, sagte sie, „Lampen sind das Rechte.“

„Bei Lampen kommt man zu etwas“, sagte sein Vater, „wenn man Sternen nachjagt, kommt man zu gar nichts.“ Aber der Sohn hörte nicht auf die Worte beider Eltern. Jeden Abend in der Dämmerung schickte er sich an, zu dem Stern hinzufliegen, und jeden Morgen bei Tagesanbruch kroch er wieder heim, erschöpft von seinem vergeblichen Bemühen. Eines Tages sagte sein Vater zu ihm: „Du hast dir seit Monaten nicht einen Flügel verbrannt, mein Junge, und es sieht mir ganz danach aus, als ob du es niemals tun würdest. Alfe deine Brüder haben sich schwer verbrannt, beim Rundflug um Straßenlampen, und alle deine Schwestern haben sich arg versengt beim Rundflug um Hauslampen. Also vorwärts jetzt, hinaus mit dir, und laß dich brennen! Ein großer stämmiger Nachtschmetterling-Bengel wie du und noch ohne eine Narbe am Leib.“

Der Nachtschmetterling verließ das Haus, aber er flog nicht um Straßenlampen, und er flog nicht um Hauslampen. Er versuchte sogleich wieder, den Stern zu erreichen, der vier und ein drittel Lichtjahre oder fünfundzwanzig Trillionen Meilen weit entfernt war. Der Nachtschmetterling dachte, der Stern habe sich nur in den Wipfelzweigen einer Ulme verfangen. Er erreichte ihn nie, aber er versuchte es immer wieder, Nacht für Nacht, und als er ein steinalter Nachtschmetterling War, begann er sich einzubilden, er habe den Stern erreicht, und er erzählte es aller Welt. Das erfüllte ihn mit einem tiefen, bleibenden Glück, und er brachte es zu einem hohen Alter. Seine Eltern und seine Brüder und Schwestern waren alle noch in jungen Jahren zu Tode verbrannt.

Schreibimpuls: Wo fliegen Sie jede Nacht hin?