Werden auch Sie zum Bibliomantiker

In vielen Kulturen wurde und wird die sogenannte Bibliomantik praktiziert. Man schlägt ein Buch an einer zufälligen Stelle auf und deutet blind auf eine Zeile. Aus den Worten, die dort stehen, lässt sich dann die Zukunft vorhersagen. Meist stellt man vorher noch eine konkrete, die Zukunft betreffende Frage. Diese Art der Wahrsagung haben schon die alten Griechen praktiziert, wobei sie oft Homers Werke, meist die Ilias, zurate zogen. Aber auch die Römer betrieben Bibliomantik mit Vergil und im Mittelalter nahmen die Menschen oft die Bibel für ihre bibliomantischen Vorhersagen. Der Überlieferung zufolge soll sich der viktorianische Dichter Robert Browning ebenfalls der Bibliomantik bedient haben, als es um die Frage ging, ob seiner Beziehung zu Elizabeth Bishop Glück beschieden sein würde. Dafür nahm er ein beliebiges Buch aus dem Regal – ausgerechnet eine italienische Grammatik – und schlug es zufällig an irgendeiner Stelle auf. Dort stand: „Wenn wir in der anderen Welt so lieben wie in dieser; werde ich Dich bis in alle Ewigkeit lieben.“ Es handelte sich um eine Übersetzungsübung, genauso gut hätte er auf die Deklination eines Verbs treffen können[1]. Das nenne ich wahrhaftiges Zutrauen in die Weisheit der Bücher.

[1] Forsyth M (2015) Lob der guten Buchhandlung oder vom Glück, das zu finden, wonach Sie gar nicht gesucht haben. FFM: Fischer, S. 22-23