Wagemutige Frauen

Was haben Eleonore Prochaska, Anna Lühring, Emily Davison, Loïe Fuller, Heidi Hetzer und Elly Beinhorn gemeinsam? Es sind Frauen, die durch wagemutige Taten die Frauenbewegung befördert haben, Soldatinnen verkleidet als Männer, Verfechterinnen der Suffragettenbewegung, Tänzerinnen, Unternehmerinnen und Pilotinnen. Frauen, die Grenzen überschreiten, aus Leidenschaft und für eine Sache, die ihnen gesellschaftlich nur aufgrund ihres Geschlechts verwehrt bleiben sollte.

Die Journalistin Barbara Sichtermann hat sie zusammen mit Ingo Rose in ihrem neuesten Buch „Sternstunden verwegener Frauen“ porträtiert. Das Künstlerhaus Ziegelhütte scheint ein würdiger Ort, das Buch und die darin versammelten Frauen zu präsentieren, hat doch Luise Büchner, die Schwester von Georg Büchner, das ihre zur Frauenbewegung beigetragen.

Frauenportraits

Marie Christiane Eleonore Prochaska (1785-1813) trägt sich Ende Juni 1813 unter dem Namen August Renz in die Stammrolle des Jägerdetachements des 1. Bataillons des Lützowschen Freikorps ein. Sie kann schießen, fluchen und kochen. Sie, beziehungsweise er, wird zum Flügelmann und ihre Tarnung fliegt erst auf, als sie verwundet und ins Lazarett gebracht wird. Getroffen wurde sie, als sie einen Kameraden aus der Feuerlinie wegtragen wollte, weswegen sie in der Folgezeit als jungfräuliche Heldin und „Potsdamer Jeanne d’Arc“ idealisiert und gefeiert wird.

Auch Anna Lühring (1796-1866) geht an die Front, als Eduard Kruse und bleibt sogar nach Bekanntwerden ihrer wahren Identität im Korps. Nach ihrer Rückkehr aus dem Krieg wird sie für ihre Verdienste geehrt und in der Berliner Gesellschaft und bei Hofe herumgereicht. Nachdem sie im Alter fast dreißig Jahre veramt lebte, erhielt sie 1860 von ihrer Heimatstadt Bremen endlich eine kleine Pension für ihre Verdienste.

Die englische Suffragette Emily Wilding Davison (1872-1913) war zeitlebens eine radikale Kämpferin für Frauenrechte. Sie wurde achtmal inhaftiert, u. a. für Steine werfen, Zerschlagen von Fensterscheiben und Anzünden von Briefkästen. Im Gefängnis beteiligte sie sich an Hungerstreiks und wurde zwangsernährt. Beim Epsom Derby wollte sie dem Rennpferd des Königs die Fahne der Frauenbewegung anhängen, geriet aber unter das Pferd und starb. Seitdem gilt sie als Märtyrerin der Frauenrechtsbewegung.

Marie Luise Fuller (1862-1928) kommt aus einem ganz anderen Stall und war die Wegbereiterin des modernen Tanzes. Sie förderte junge Tänzerinnen, um ihnen eine eigenständige tänzerische Individualität zu verleihen. 1892 gelang ihr er Durchbruch als Lichttänzerin, wobei sie in Paris bekannter und anerkannter war als in ihrer amerikanischen Heimat.

Auch Heidi Hetzer (geb. 1937) entzieht sich als Rennfahrerin, gelernte KFZ-Mechanikerin und erfolgreiche Unternehmerin dem gängigen Frauenbild der damaligen Zeit. Das Kapital für ihr erstes Unternehmen, das wenig später Pleite ging, sammelte sie unter der Belegschaft ihres Vaters.

Und Elly Maria Frida Rosemeyer-Beinhorn (1907-2007) macht eine Ausbildung bei der Deutschen Luftfahrtgesellschaft und stürzt sich in die Fliegerei – weil Frauen als Pilotinnen für Verkehrsflugzeuge nicht zugelassen waren, geht sie in die Kunstfliegerei. Erste Alleinflüge führen sie nach Afrika, später umrundet sie die Welt und finanziert sich über Bücher, Auftritte und Werbeeinnahmen. Auch sie fügt sich nicht in das gängige Frauenbild der damaligen Zeit und behält die Fliegerei selbst nach ihrer Hochzeit bei. Einzig im Krieg stellt sie die fliegerische Tätigkeit ein, um in der Nähe ihrer Kinder sein zu können.