Veilchen in Darmstadt

Die Zuschauer blieben unverletzt, nur Joe Fischlers Tiroler Kriminalkommissarin ‚Valerie Mauser’ bekam im Dienst dreimal hintereinander ein blaues Auge und infolgedessen den Spitznamen „Veilchen“ . Während in Bessungen also alle unversehrt blieben, wird die Grube Prinz vom Hessen allerdings zum „Totensee“, jedenfalls in Michael Kiblers gleichnamigem Roman, in dem zwei Leichen in einem Mercedes in dem Badesee gefunden werden.

Zum Abschluss der Darmstädter Krimitage ein besonderes Bonbon für die Gäste: Die beiden Krimiautoren Fischler und Kibler lesen nicht nur, sondern singen auch. Und Fischler legt ein Bühnenprogramm hin, dass man sich den Krimi gut auch als Theaterstück vorstellen könnte. „Veilchens Feuer“ ist sein zweiter Roman, der erste war „Veilchens Winter“. Der ehemalige Bänker ist ins Krimifach gewechselt, nachdem er festgestellt hat, dass er mehr Freiheit braucht, die er dann sogleich erfolgreich zu nutzen wusste: Für seinen ersten Krimi erhielt er das ‚Goldene Buch’, eine österreichische Auszeichnung, wenn mehr als 25 000 Exemplare eines Titels verkauft werden. Daraufhin hat er einen Graphiker kontaktiert, der seine Protagonistin ‚Veilchen‘ ins Leben und auf die Pappwand rief, neben Fischler die zweite Akteurin auf der Bessungen Literaturbühne. Sie soll einen österreichischen Rockstar gegen eine Morddrohung schützen , die er aus Marketingzwecken erfunden hat. Doch am Ende kommt ohnehin alles anders. Aber das darf ja nicht verraten werden …

Und Kibler fährt schweres Geschütz auf: ihm  geht es dabei um nichts weniger als die Darstellung stufenweiser Radikalisierung und die Frage, wie Stasi, CIA und KGB agieren., bzw. agiert haben. Dafür hat er in der ehemaligen Gauck Behörde Regalmeter von Akten studiert. Wieder mit von der Partie sind das aus früheren Kiblerkrimis bekannte Ermittlerduo Horndeich und Hesgart. Seit dem Krimi „Todesfahrt“ hat Kibler seine Themenfelder und Regionen sukzessive ausgeweitet, die ‚Lokalkrimis’ sind immer nationaler und internationaler geworden und auch Totensee führt uns aus Darmstadt heraus. In Arbeit sind ein ‚Lilienkrimi’ und ein weiterer Krimi mit der ‚homebase’ Darmstadt. Wir also dürfen gespannt sein. Auf die neuen Krimis und einen Krimiabend im Oktober, organisiert vom Bessunger Buchladen und dem Piper Verlag.

Tatort Bessunger Knabenschule

Wollten Sie auch schon immer mal einen Tatort schreiben? Bisher wussten Sie aber nicht so recht, wie sie vorgehen sollen? Jetzt können Sie studieren, wie die Profis es machen. Markus Stromiedel, der gestern für die Darmstädter Krimitage aus Bonn anreiste, ist ein versierter Drehbuchautor des Tatorts und bietet seine Manuskripte unter http://www.stromiedel.de an.

Neben Drehbüchern schreibt Stromiedel Krimis und Dystopien, zuletzt erschienen „Zone 5“. Keine angenehme Welt, die er dort beschreibt, auch wenn der Autor sagt, dass er nur konsequent unsere Welt „weiterdenkt“. Aber vielleicht ist es genau deswegen so beklemmend, weil uns die 45 Jahre in die Zukunft verlagerte Welt so fern nicht vorkommt. Deutschland wird von einem autoritär regierenden Präsidenten beherrscht und alle europäischen Städte werden in Zonen eingeteilt, so auch Köln, wo der Roman spielt. Man ahnt schon, dass es besser ist in Zone 1 zu leben als in Zone 5, in der es keine ausreichende medizinische Versorgung gibt, während Zone 1 genetisch passende Medikamente anbietet. Zonenwechsel ist bei Todesstrafe verboten. Jede Menge hochexplosiver Stoff also: Aber lesen Sie selbst.

Und auch bei Judith Merchant, der zweiten Krimiautorin des Abends, ging es in „Rapunzelgrab“ um Abgründe jeglicher Art. Wie der Titel erahnen lässt geht es um einen Turm und lange Haare. In diesem Fall allerdings um Haare, die sich die tote Protagonistin ausgerissen und verschluckt hat. Diese beiden Phänomene werden auch als Trichotillomanie und Trichophagie bezeichnet (Die Autorin sammelt seltene Krankheitsbilder). Da Haare aber unverdaulich sind, sammeln sich diese im Magen an und können bis zum Hungertod führen, weil keine Nahrung mehr in den Darm gelangt. Das komplette Krankheitsbild wird auch als Rapunzelsyndrom bezeichnet. Nun haben wir den Namen und den Plot, den Mörder müssen Sie durch Lesen selbst herausfinden.

Michael Kibler führte gewohnt professionell durch den Abend und stellte immer die Fragen, die man selbst gerne gestellt hätte. Morgen endlich liest und singt er selbst, im Duo mit Joe Fischler.

Darmstädter Krimitage, Bessunger Knabenschule, 11. März 2016, 20:00:; Michael Kibler „Totentanz“, Joe Fischler „Veilchens Feuer“.

Wir dürfen gespannt sein.

Müsli in Rosa und Chili in Hellblau

Almut Schnerring und Sascha Verlan schreiben in der taz vom 8. März 2016 über die grassierende Form der Gleichmacherei.

„Dass auch Erwachsene nicht unbeeinflusst bleiben von der sich ausbreitenden Einteilung in Rosa und Hellblau, zeigen Szenen wie die beim Einkaufen. Ein Junge wollte rosa Socken haben. Die Verkäuferin sagte: „Die sind aber für Mädchen.“ Darauf der Junge: „Ich dachte, die wären für Füße.“

Wann und wo tappen Sie in die „Genderfalle“?

Von den Toten auferstanden

Auch dieses Jahr gibt es sie wieder, die Darmstädter Krimitage, vom 7.-11. März in der Bessunger Knabenschule, durchgeführt vom Bessunger Buchladen und moderiert von Christian Gude und Michael Kibler. Den Auftakt macht Ulrich Wickert mit „Das Schloss in der Normandie.“ Prominenz zieht Zuschauer, die Veranstaltung ist ausverkauft.

In einer Pariser Psychiatrie treffen eine Polizistin, die im Dienst einen Mann erschossen hat und Togotoy, die sich zwanzig Jahre lang als Prostituierte verdingt hat und jetzt bei Medikamentenstudien mitmacht, aufeinander. Wie immer in Wickerts Kriminalromanen geht es um organisierte Kriminalität, Korruption und Staatsaffären. Um dem Korruptionssumpf in Wirtschaft und Politik etwas entgegenzusetzen, hat er die Figur des Untersuchungsrichters Jacques Ricou entworfen, dessen Nachname seine Frau beigesteuert hat.

Wickert ist ein leidenschaftlicher Sammler von Fakten, ein akribischer Rechercheur, im Journalismus wie als Krimiautor. So gesehen hat er das Genre nicht wirklich gewechselt, nur etwas größere narrative Freiheit gewonnen. Seine Krimis spielen in Frankreich, weil das seine zweite Heimat ist und es in Deutschland überdies im Justizsystem keine dem französischen Untersuchungsrichter ähnliche Position gibt. Dass ein französischer Untersuchungsrichter nicht weisungsgebunden ist, ist entscheidend dafür, dass er in der Lage ist, Verflechtungen aufzudecken und zu bestrafen, womit er die optimale Gegenfigur im Krimi ist.

Der in Tokio geborene und in Deutschland und Frankreich lebende Journalist und Autor Wickert wollte schon als Student Krimis schreiben, aber im fehlte der Mut. Bei seinen literarischen Vorbildern lese sich das immer so leicht, aber genau das sei das Schwere. Von Gude darauf angesprochen, dass es in seinen Krimis „ganz schön blutig“ zugehe, sagt Wickert: „Es gibt schon mal den einen oder anderen Toten. Manchmal brauchen Sie eben bestimmte Personen für die Handlung, die dann irgendwann ihre Aufgabe erledigt haben und dann müssen Sie die wieder loswerden. Was machen Sie mit denen? Sie lassen sie auf eine Mine treten.“

Manchmal stehe ihm sein Wissen  im Weg, weil es ihn beispielsweise daran hindert, jemanden aus dem Louvre aus dem Fenster fliehen zu lassen. „Die sind vergittert“, sagt er, „nur ein amerikanischer Krimiautor, der nie in Frankreich war, kann seinen Täter dort hinausspringen lassen.“.

Wenn er zwei Krimis geschrieben hat, brauche er wieder ein Sachbuch, gesteht er, weil man bei dieser Arbeit vom Schreibtisch aufstehe und Pause habe, während einen Plot und Figuren beim Krimischreiben auch nach dem Verlassen des Schreibtischs weiter im Kopf herumgeistern würden.

Seine Liebe zu Paris hat er in „Mein Paris“ besungen, aus dem er einen kurzen Abschnitt über die Metropole vorliest und kommentiert: „Der Vergleich zwischen Paris und Berlin verbietet sich ebenso wie der Vergleich zweier Frauen.“

Wagemutige Frauen

Was haben Eleonore Prochaska, Anna Lühring, Emily Davison, Loïe Fuller, Heidi Hetzer und Elly Beinhorn gemeinsam? Es sind Frauen, die durch wagemutige Taten die Frauenbewegung befördert haben, Soldatinnen verkleidet als Männer, Verfechterinnen der Suffragettenbewegung, Tänzerinnen, Unternehmerinnen und Pilotinnen. Frauen, die Grenzen überschreiten, aus Leidenschaft und für eine Sache, die ihnen gesellschaftlich nur aufgrund ihres Geschlechts verwehrt bleiben sollte.

Die Journalistin Barbara Sichtermann hat sie zusammen mit Ingo Rose in ihrem neuesten Buch „Sternstunden verwegener Frauen“ porträtiert. Das Künstlerhaus Ziegelhütte scheint ein würdiger Ort, das Buch und die darin versammelten Frauen zu präsentieren, hat doch Luise Büchner, die Schwester von Georg Büchner, das ihre zur Frauenbewegung beigetragen.

Frauenportraits

Marie Christiane Eleonore Prochaska (1785-1813) trägt sich Ende Juni 1813 unter dem Namen August Renz in die Stammrolle des Jägerdetachements des 1. Bataillons des Lützowschen Freikorps ein. Sie kann schießen, fluchen und kochen. Sie, beziehungsweise er, wird zum Flügelmann und ihre Tarnung fliegt erst auf, als sie verwundet und ins Lazarett gebracht wird. Getroffen wurde sie, als sie einen Kameraden aus der Feuerlinie wegtragen wollte, weswegen sie in der Folgezeit als jungfräuliche Heldin und „Potsdamer Jeanne d’Arc“ idealisiert und gefeiert wird.

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