Spieglein, Spieglein an der Wand

Das fatale an unserer Selbsteinschätzung ist, dass sie selten stimmt. Mal überschätzen wir uns, mal trauen wir uns zu wenig zu. Mal finden wir uns in Ordnung und sind zufrieden mit uns, dann wieder hadern wir mit allem, was wir machen und sind. Auch der Blick in den Spiegel sagt uns an einem Tag etwas anderes als am nächsten, was nicht unbedingt mit dem tatsächlichen Erscheinungsbild zu tun haben muss. Und natürlich: der berühmte blinde Fleck.

Es gibt zahlreiche psychologische Modelle, die diese Phänomene beschreiben, wie etwa das ‚Johari-Fenster‘ (benannt nach den Anfangsbuchstaben der Namen zweier Sozialpsychologen, die es entwickelt haben), das den Unterschied zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung und bewussten und unbewussten Persönlichkeits- und Verhaltensmerkmalen veranschaulicht.

Ich habe es hier nicht abgebildet, weil es an dieser Stelle nicht um kluge Modelle gehen soll, hinter denen man sich wunderbar verstecken kann. Sondern an dieser Stelle geht es ausschließlich um Sie!

Ich möchte Sie bitten, sich vor den Spiegel zu stellen und sich eine Weile anzusehen. Stellen Sie sich vor, Sie würden diesen Menschen, den Sie im Spiegel sehen, nicht kennen. Ein Fremder. Und nun sind Sie aufgefordert, diesen Menschen zu beschreiben und zwar weitgehend neutral, also ohne zu werten. Sie sind gewissermaßen ein Wissenschaftler, der ein Protokoll anfertigt. Oder ein Zeuge, auf dessen sachliche Beschreibung hin ein Phantombild angefertigt werden soll.

Das Geschriebene lassen Sie bitte ein paar Tage liegen und lesen es erst dann. Danach schreiben Sie (wenn Sie mögen) einen Text, wie es Ihnen mit der Beschreibung, die ja genaugenommen eine Selbstbeschreibung ist, geht. Was Sie empfinden und denken, wenn Sie den Text lesen.

Das Gleiche kann man natürlich auch mit Eigenschaften und Verhaltensweisen machen, aber dazu mehr an einem anderen Tag …

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