Spieglein, Spieglein an der Wand

Das fatale an unserer Selbsteinschätzung ist, dass sie selten stimmt. Mal überschätzen wir uns, mal trauen wir uns zu wenig zu. Mal finden wir uns in Ordnung und sind zufrieden mit uns, dann wieder hadern wir mit allem, was wir machen und sind. Auch der Blick in den Spiegel sagt uns an einem Tag etwas anderes als am nächsten, was nicht unbedingt mit dem tatsächlichen Erscheinungsbild zu tun haben muss. Und natürlich: der berühmte blinde Fleck.

Es gibt zahlreiche psychologische Modelle, die diese Phänomene beschreiben, wie etwa das ‚Johari-Fenster‘ (benannt nach den Anfangsbuchstaben der Namen zweier Sozialpsychologen, die es entwickelt haben), das den Unterschied zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung und bewussten und unbewussten Persönlichkeits- und Verhaltensmerkmalen veranschaulicht.

Ich habe es hier nicht abgebildet, weil es an dieser Stelle nicht um kluge Modelle gehen soll, hinter denen man sich wunderbar verstecken kann. Sondern an dieser Stelle geht es ausschließlich um Sie!

Ich möchte Sie bitten, sich vor den Spiegel zu stellen und sich eine Weile anzusehen. Stellen Sie sich vor, Sie würden diesen Menschen, den Sie im Spiegel sehen, nicht kennen. Ein Fremder. Und nun sind Sie aufgefordert, diesen Menschen zu beschreiben und zwar weitgehend neutral, also ohne zu werten. Sie sind gewissermaßen ein Wissenschaftler, der ein Protokoll anfertigt. Oder ein Zeuge, auf dessen sachliche Beschreibung hin ein Phantombild angefertigt werden soll.

Das Geschriebene lassen Sie bitte ein paar Tage liegen und lesen es erst dann. Danach schreiben Sie (wenn Sie mögen) einen Text, wie es Ihnen mit der Beschreibung, die ja genaugenommen eine Selbstbeschreibung ist, geht. Was Sie empfinden und denken, wenn Sie den Text lesen.

Das Gleiche kann man natürlich auch mit Eigenschaften und Verhaltensweisen machen, aber dazu mehr an einem anderen Tag …

Kranke Identität

Waren Sie vielleicht gerade beim Arzt und haben eine Diagnose erhalten? Haben Sie das Gefühl, diese Diagnose trifft den Kern Ihrer Beschwerden? Hat sie etwas mit Ihnen zu tun?

„Diagnosen sind Namen für ein unbekanntes Drama“, hat Thure von Uexküll, einer der prägenden Ärzte für Psychosomatik im 20. Jahrhundert, gesagt.

Sie sind wie ein Etikette, ein Label, ein Schlagwort. Unzulängliche Hilfsmittel, um sich im medizinischen Bereich untereinander zu verständigen.

Das Problematische – gerade im psychiatrischen Bereich – Menschen beginnen, sich entsprechend ihrer Diagnose zu fühlen und zu verhalten. Sie kennen sicher das Phänomen, dass man zahlreiche Nebenwirkungen zu haben meint, sobald man den Beipackzettel eines Medikamentes liest, das man gerade eingenommen hat.

Wenn wir uns bewusst wären, dass Diagnosen nur Hilfsmittel sind, wäre alles in Ordnung. Doch nur zu häufig gerät der Mensch hinter der Diagnose aus dem Blick.

Vielleicht möchten Sie sich einmal darin versuchen, zu beschreiben, was Sie haben oder hatten als Sie Ihre letzte Diagnose erhalten haben und ob es ggf. ein Wort gibt, dass Ihren Zustand passender beschreibt als die Diagnose, die Sie vom Arzt erhalten haben.

„Ene, mene, miste, es rappelt in der Kiste …“

„… Ene, mene, muh und raus bist du.“ Vielleicht kennen Sie den Abzählreim aus Kindertagen. Neben dem verwünschten ‚Rausfliegen‘ bei Spielen oder später im Leben, gibt es ja auch Bereiche und Dinge, aus denen man gerne ‚raus‘ wäre.

Gibt es aktuell Dinge / Bereiche, aus denen Sie sich heraus wünschen?

Sicher wissen Sie auch, wie der Reim weitergeht: „Raus bist du noch lange nicht …“

Was hindert Sie daran, aus den genannten Dingen / Bereichen auszusteigen?

Im Reim geht es weiter: “ ... sag mir erst wie alt du bist.

Dahinter steckt die Idee, dass es etwas gibt, was ein ‚Ausscheiden‘ ermöglicht.

Was könnte das in Ihrem Fall sein? Wie könnten Sie aussteigen, sofern Sie dies wünschen?

Schreiben Sie! Denn auf dem Papier ist alles erlaubt und möglich.

Uhr = Zeitmesser / Uhr = Zeitfresser

Tragen Sie eine Armbanduhr? Immer? Wie oft blicken Sie auf die Uhr? Was würde passieren, wenn Sie diese vergessen? Oder vielleicht einen Tag bewusst nicht anziehen? Oder tragen Sie gar keine Uhr?

Schreiben Sie einen Text darüber, was die Uhr für Sie bedeutet …

Geheimnisse

„Literarisches Schreiben und Lesen sind, wie alle Prozesse von Sprachfindung … Schnitte in die sichtbare Oberfläche, um tiefere Schichten freizulegen. Sind Forschungsreisen ins Verborgene. Verhüllte. Mitteilungen über die Geheimnisse und das Verbotene. Sind Sprachen, die das Sprechen der Selbstbefragung möglich machen.“ (Streeruwitz, Marlene 1997)