Was ist Poesietherapie? Woher stammt der Ausdruck ‚Poesie‘?

1.1 Der Begriff der Poesietherapie

1.1.1 Schreiben und Lesen als Therapie

Der Begriff der Poesietherapie, der dem amerikanischen poetry therapy entlehnt ist, der von Leedy und Lerner geprägt wurde (Lerner 1980; Leedy 1969), scheint für den deutschsprachigen Raum am besten geeignet, Bestrebungen, die das Schreiben und Lesen als therapeutisches Mittel einsetzen, unter einem sprachlichen Dach zu vereinen. Die Festlegung auf einen übergreifenden, im umfassenden Sinn zu verstehenden und zu gebrauchenden Terminus ist aus mehreren Gründen sinnvoll. Erstens ist die derzeit im Bereich der kreativen und therapeutischen Schreibangebote vorherrschende babylonische Sprachverwirrung für die Stärkung der Poesietherapie wenig förderlich. Zweitens ist die Benennung der Therapieform Voraussetzung für die Erstellung von Ausbildungsstandards, die Entwicklung eines eigenen Berufsprofils und eines damit auf lange Sicht einhergehenden Titelschutzes für Poesietherapeuten, der professionelles, informiertes und ethisches Handeln signalisiert und gewährleistet. Drittens wird die Zukunft es erforderlich machen, für Poesietherapeuten Dachverbände zu gründen und Kongresse auszurichten. Und viertens ermöglicht ein einheitlicher Titel, der für eine spezielle therapeutische Methode steht, institutionen- und länderübergreifende Forschung, die wiederum erforderlich ist, um der Poesietherapie im deutschen Gesundheitssystem einen festen Platz als Heilverfahren zu verschaffen. In Analogie zu den Nachbardisziplinen Kunst-, Gestalt- und Dramatherapie wird der Begriff der Poesietherapie, bis zu deren endgültiger Etablierung, immer wieder erklärungsbedürftig sein, was aber angesichts der Vorteile, die der Begriff mit sich bringt, in Kauf genommen werden kann.

1.1.2 Poesie ist mehr als Lyrik

Der Begriff der Poesie lässt erahnen, dass Poesietherapie mehr ist, als der Versuch, Menschen mittels gebundener Sprache zu heilen. Das aus dem Griechischen stammende poiesis bezeichnet nur in erster Instanz einen Gattungsbegriff, der gemäß der Aristotelischen Poetik die Lyrik ebenso umfasst wie das Drama und das Epos. Die Definition der Poesie kam im 18. Jahrhundert ins Wanken, als das Spektrum poetischer Gattungen dekonstruiert wurde und die Prosa in die literarischen Klassifizierungen Einzug hielt. Die Prosa, die in der Poesie bis dato keine Rolle spielte, bekam innerhalb des neuen Literaturbegriffs eine zentrale Stellung, wodurch der Begriff der Poesie im 19. Jahrhundert beinah frei zur Verfügung stand, was dazu führte, dass die literarische Avantgarde des 20. Jahrhunderts den Begriff für andere Kontexte übernahm und von einer Poesie des Alltags sprach. Spätere modernistisch-reduktionistische Verständnisse beschnitten den Begriff wieder und gingen dazu über, unter Poesie nur noch ein Experimentierfeld für das Zustandekommen von Bedeutung in Gedichten zu verstehen. Neben seiner Verwendung als Gattungsbegriff bezeichnet poiesis in zweiter Instanz eine Qualität des Erlebens, wodurch sich für eine so benannte Therapie das weite Denk-, Wahrnehmungs- und Erlebnisfeld der Achtsamkeit öffnet. Achtsamkeit als wesentlicher Bestandteil der Poesietherapie, da nur über etwas geschrieben werden kann, was wahrgenommen wird, wobei sich Schreiben und achtsame Wahrnehmung in einem beständigen Wechselverhältnis befinden, dergestalt, dass Schreiben Achtsamkeit und Wahrnehmung fördert und schult und die Aufnahme der Welt mit allen Sinnen wiederum zu einer veränderten Sprach- und Ausdruckskompetenz führt, die von einer routinierten Wahrnehmung zu einem erweiterten Blick leitet, der Einfluss auf Sprache, Denken, Empfinden und Handeln nimmt, so dass jeder neuen Impression eine veränderte Expression folgt, die eine veränderte Impression nach sich zieht, die eine neue Expression generiert, so dass Impression und Expression sich in einem beständigen Dialog befinden.

Quelle: Heimes, S. (2012) Warum schreiben hilft. Die Wirksamkeitsnachweise zum Schreiben. Göttingen: V&R, S. 13-14

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