Schreiben mit der Hand oder mit dem Computer

Macht es einen Unterschied, ob man mit der Hand oder auf der Tastatur schreibt? Eine Frage, die sich Leiter und Teilnehmer von Schreibwerkstätten immer wieder stellen und deren Antwort einfach ist: Ja, es macht einen Unterschied. Schwerer wird es, wenn es um die Frage einer Empfehlung geht.

J.C. Oates: „Ich benutze kein Textverarbeitungsprogramm, sondern schreibe zunächst vieles von Hand auf. (Ja, ich weiß, Schriftsteller sind verrückt).“

Je mehr das gesamte Gehirn beansprucht wird, umso stärker wirkt sich das auf die Gedächtnisfähigkeit aus. Selbstgeschriebenes wird im Gehirn nicht nur in Form von Buchstaben und Worten gespeichert, sondern ebenso als motorischer Bewegungsablauf, der das Erinnern erleichtert, während getippte Buchstaben und Worte keine solchen Erinnerungsspuren hinterlassen. Man scheint aber nicht nur besser zu lernen und zu erinnern, wenn man mit der Hand schreibt, sondern zusätzlich weitere kognitive und sprachliche Fertigkeiten zu entwickeln, die beispielsweise in der Gestaltung komplexer Sätze und dem Schreiben längerer freier Texte zum Ausdruck kommen. Die Erklärung hierfür könnte sein, dass die Bewegungssequenzen, die für das Schreiben mit der Hand erforderlich sind, Gehirnregionen aktivieren, die zugleich für Denken und Sprache zuständig sind. Zudem dürfte die Tatsache eine Rolle spielen, dass man sich beim Schreiben mit der Hand intensiver konzentriert, weil man das Geschriebene nicht so leicht korrigieren kann wie am Computer. Möglicherweise bleibt auch durch die Verlangsamung des Schreibprozesses mehr Zeit, gedankliche Verbindungen herzustellen.

Es ist zudem anzunehmen, dass regelmäßiges Schreiben mit der Hand Koordination und Geschick fördert. Wissenschaftler vom Leibniz-Institut für Arbeitsforschung in Dortmund verglichen Rechtshänder, die besonders viel mit der Tastatur schrieben, mit Rechtshändern, die häufiger mit der Hand schrieben. Beide Gruppen absolvierten einen Geschicklichkeitsparcours sowohl mit der rechten als auch mit der linken Hand. Die Computernutzer brauchten mit der rechten Hand deutlich länger (36%) als die Handschreiber, deren Schreiben mit der Hand offensichtlich die Übung in genau koordinierten Bewegungen förderte. Und: Im Persönlichen bleibt die Handschrift ein Zeichen der Wertschätzung, die besagt, dass der Schreiber sich Zeit genommen hat und emotional involviert ist (man denke an den Liebesbrief).

Fazit

Schreiben mit der Hand verlangsamt den Prozess des Schreibens und ermöglicht es, komplexeren Gedankengängen zu folgen. Zudem werden durch den motorischen Bewegungsablauf mehrere Regionen im Gehirn aktiviert, was dem Erinnern und der Kreativität zuträglich zu sein scheint. Wirkungen, die man sich beim kreativen und therapeutischen Schreiben zunutze machen kann, ohne apodiktisch werden zu müssen, denn auch das ‚kreative’ Verschieben von Sätzen und Textblöcken am Computer hat seinen Reiz und kann den Gedankenfluss anregen. Wer sich beider Systeme bedienen kann, dürfte die meisten Vorteile haben.

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