Krimiabende mit Suchtcharakter – Wiederholungstäterin aus Überzeugung

Darmstädter Krimitage 17. und 18. März

Ich weiß nicht, ob mir das zu denken geben sollte. Wie ferngesteuert werden meine Schritte auch am zweiten und dritten Abend zur Bessunger Knabenschule gelenkt, in der es um Mord und Totschlag geht. Hätte ich einen Hang zur Paranoia, würde ich denken, einer der Autoren oder Moderatoren … aber nein. Überhaupt, wie war das mit der Paranoia: Eine gesunde Einschätzung der Gefahren? Terry Pratchett in Strata: „Nur weil du paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind.“

Jedenfalls kann einen das Szenario, das Ivo Pala in seinem Krimi entwirft, schon ein wenig argwöhnisch machen. Am zweiten Abend zu Hause wasche ich mein Gesicht nicht mit Wasser, sondern wische es mit Feuchttüchern ab und trinke auch kein Wasser aus dem Hahn. Ivo Palas Protagonisten in seinem Roman H2O haben ein Trinkwasserreservoir mit Atommüll verseucht, zahlreiche Menschen sterben, junge, alte, solche, die Wasser aus dem Hahn trinken, solche, die sich nur das Gesicht waschen, andere, die in der Badewanne gelegen haben. Natur und Grundwasser sind ebenfalls beeinflusst und das gesamte Gebiet wird für Jahre unbewohnbar sein. So einfach, so brillant, so perfide. Biblis ist nicht weit, oder?

Und auch bei Christian von Ditfurth (Heldenfabrik) wird gleich in Massen gestorben. Von Ditfurth, der bisher immer Historiker über Leichen stolpern ließ, setzt zum ersten Mal einen polizeilichen Ermittler ein. Der Mordanschlag auf den Vorstand eines Chemiekonzerns lässt die Darmstädter zusammenzucken. Merck! (Paranoia?) Doch im Buch handelt es sich um einen Berliner Chemiekonzern. Von Ditfurth schwärmt: „Endlich fallen die Leichen meinem Protagonisten mal vor die Füße. Bei einem Historiker als Ermittler musste ich immer sehen, wie ich Ermittler und Leichen zusammenbringe.“ Mhm … was Krimiautoren so glücklich macht …

Der dritte Abend: Roland Spranger mit Kriegsgebiete und Judith Taschler mit Die Deutschlehrerin. Hier Afghanistan, dort Österreich. Der Kriegsheimkehrer mit PTBS (posttraumatischer Belastungsstörung), man nimmt ihn Spranger sofort ab, merkt, dass der Autor vom Theater kommt und Bühnenerfahrung hat. Wie er da so liest, könnte man fast meinen … Der Kriegsveteran Daniel also, der es in geschlossenen Häusern nicht aushält, kampiert im Garten, vertreibt die Flashbacks mit körperlichem Training. Bei einem seiner Geländeläufe findet er die Leiche eines Mädchens in einem Teich. Er war in Afghanistan, er hat getötet, er hat eine psychische Erkrankung, er … jedenfalls scheint diese Gedankenkette die Polizei zunächst auf seine Fährte zu locken – zunächst …

Taschler selbst bezeichnet ihr Buch nicht als Krimi, sondern als Beziehungsgeschichte der anderen Art. Und doch hat sie dafür den unter Krimiautoren so begehrten Glauser-Preis bekommen. Als sie telefonisch von ihrer Nominierung erfuhr, war sie so überrascht, dass ihr nichts anderes einfiel, als sich zu versichern, wie man den Namen der Anruferin buchstabiert. „Ein Roman wie ein Kriminalfilm“, heißt es in der Kritik und in der Tat, man ist gespannt: Mathildas große Liebe, Xaver, der sie nach fünfzehn Beziehungsjahren ohne Erklärung verlassen hat, taucht wieder auf und mit ihm die Geschichte seines entführten Sohnes, den er mit einer anderen hatte, ein Kind, das Mathilda sich immer gewünscht hat, weswegen sie von der Polizei befragt wird … Taschler verwebt verschiedene Erzählstile miteinander (Mails, Verhörprotokolle, Dialoge, Erzählpassagen) und schafft es dadurch die Schnelllebigkeit und Vielfalt unserer Lebenswelt einzufangen, den Stoff maßlos zu verdichten. Taschler, die viel in Schulen liest, sagt: „Die Mädchen fragen immer, ob die Liebesgeschichte autobiographisch ist. Die Buben, wie viel ich verdiene.“

Gekonnt, kollegial und humorvoll führen Kibler und Gude durchs Programm. Auf dem roten Autorensofa stellen sie Fragen, die mitunter zu sehr persönlichen, aber auch skurrilen Antworten führen. Kibler zu Taschler: „Warum heißen eigentlich alle Kühe in deinen Romanen Ludmilla?“ Es stellt sich heraus, dass die Nachbarskuh so hieß und die 7-jährige Judith (Taschler) vom Kalben selbiger so beeindruckt war, dass sich der Name Ludmilla in ihr Gehirn gebrannt hat, so dass seither für sie alle Kühe ‚Ludmilla’ heißen. Taschlers neues Buch Roman ohne U, hat seinen Titel von Taschlers Kindern, die entnervt von der klemmenden Tastatur des mütterlichen Laptops (Sie ahnen es: das U klemmte), schließlich sagten: „Dann schreib halt einen Roman ohne U.“

Taschler und Spranger haben den Glauser-Preis bekommen (der dritte Abend lief unter dem Motto Die aktuellen „Glauser-Preisträger) und die Frage, die Kibler den beiden stellt: „Was soll nach dem Glauser-Preis schon noch kommen?“ stelle auch ich mir nach den letzten drei Tagen, wenngleich in anderer Form: „Was soll nach den Darmstädter Krimitagen schon noch kommen?“

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