Krimiabende mit Suchtcharakter – Wiederholungstäterin aus Überzeugung

Darmstädter Krimitage 17. und 18. März

Ich weiß nicht, ob mir das zu denken geben sollte. Wie ferngesteuert werden meine Schritte auch am zweiten und dritten Abend zur Bessunger Knabenschule gelenkt, in der es um Mord und Totschlag geht. Hätte ich einen Hang zur Paranoia, würde ich denken, einer der Autoren oder Moderatoren … aber nein. Überhaupt, wie war das mit der Paranoia: Eine gesunde Einschätzung der Gefahren? Terry Pratchett in Strata: „Nur weil du paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind.“

Jedenfalls kann einen das Szenario, das Ivo Pala in seinem Krimi entwirft, schon ein wenig argwöhnisch machen. Am zweiten Abend zu Hause wasche ich mein Gesicht nicht mit Wasser, sondern wische es mit Feuchttüchern ab und trinke auch kein Wasser aus dem Hahn. Ivo Palas Protagonisten in seinem Roman H2O haben ein Trinkwasserreservoir mit Atommüll verseucht, zahlreiche Menschen sterben, junge, alte, solche, die Wasser aus dem Hahn trinken, solche, die sich nur das Gesicht waschen, andere, die in der Badewanne gelegen haben. Natur und Grundwasser sind ebenfalls beeinflusst und das gesamte Gebiet wird für Jahre unbewohnbar sein. So einfach, so brillant, so perfide. Biblis ist nicht weit, oder?

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Darmstädter Krimitage vom 16.-20. März in der Bessunger Knabenschule

Bis zum Ende der Auftaktveranstaltung waren noch alle am Leben, was in der Nacht geschah …

Kibler liest Gude und Gude liest Kibler. Sie plaudern aus der Schublade, in deren Tiefe Entwürfe verschwunden sind, die nie publiziert wurden. Und höre da: Kibler hat nicht nur das Zeug zum Krimiautor, sondern ist in seinen ersten Entwürfen auch ein veritabler Erotiker. Die Kriminalkommissarin wird in der Ich-Perspektive beschrieben und ihre Sehnsüchte sind durchaus irdisch, die Sprache verbirgt wenig. Kibler nimmt es souverän, dass Gude die Version eines Textes aufs rote Sofa bringt, die durchaus ihre sprachlichen Härten hat und die Gude ironisch mit 50 shades of Nick betitelt. Die Retourkutsche lässt allerdings nicht lange auf sich warten, auch Kibler zieht geheime Dokumente von Gude aus seiner Zeit als Werbetexter aus der Tasche. 1001 Schlacht, eine Werbepersiflage für den Trabi, verfasst für das VEB Automobilwerk in Zwickau. „Ich war jung und brauchte Geld“, verteidigt Gude sich und man wundert sich, dass irgendjemand für solche Reime Geld bezahlt haben soll (auch wenn es in den 80ern war).

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Ausdruckstanz

L-E-V: House im Staatstheater Darmstadt

Aufführung am 14.3.2015

Die Kompanie L-E-V, was im hebräischen Herz bedeutet, wurde 2013 von Sharon Eyal und Gai Behar gegründet. Die Choreographien entstehen aufgrund der auf der körperlichen Wahrnehmungsschulung beruhenden Gaga-Technik, wobei die erste Assoziation zu Gaga durchaus ernstzunehmend ist, denn es handelt sich um eine Vermittlung von Ursprünglichem, Kindlichem. Aber auch wenn von Choreographie die Rede ist, versteht sich Sharon Eyal nicht als Choreographin, sondern als Kanal, durch den Ausdruck fließt. Und auch der Titel „House“ ist mehr dem Markt geschuldet, der eben einen Titel zur Ankündigung verlangt, denn einer inhaltlichen Ausrichtung. Eyals Stücke sind frei und in Bewegung, Eyal kreiert Stimmungen und Momente wie „Puder, den man in die Luft schmeißt.“ Wenn Emotionen auf die Bühne bringen allerdings meint, 60 min. sexualisierte Gewalt darzustellen, ist das doch ein sehr begrenztes Verständnis von der menschlichen Emotionalität und Ausdrucksfähigkeit. Hart an der Grenze zur Pornographie, hart an der Grenze zu SM, hart an der Grenze des Ästhetischen, über die Grenze des auditiv Erträglichen hinaus (db ++). Wer Pina Bausch kennt und weiß, was Ausdruckstanz zu leisten vermag, wird enttäuscht sein. Es langt eben doch nicht, ein paar trainierte Körper auf die Bühne zu werfen und zu hoffen, dass diese schon irgendwie ihren Ausdruck finden werden.