„Das Hören auf den Kopf stellen“

Odyssee – Oper von Claudio Monteverdi: Il ritorno d’Ulisse in patria, Text von Giacomo Badoaro, Prolog von Luigi Nono: No hay caminos, hay que caminar

Staatstheater Darmstadt, Sondervorstellung 23.1.2015, Premiere 25.9.2014, letzte Vorstellung 28.2.2015

David Pichlmaier in der Rolle des Ulisse ist eine Offenbarung. Die Zusatzvorstellung wegen großer Nachfrage ist gerechtfertigt! Der Applaus der Zuschauer schließt den Kreis zu den Fortissimo-Ausbrüchen der Auftaktmusik von Luigi Nono.

Caminante no hay caminos hay que caminar“ sollen die Worte gewesen sein, die der italienische Komponist 1985 an einer Klostermauer in Spanien sah und die ihn in seinen letzten Lebensjahren zu drei Werken inspiriert haben. Es geht um die existentielle Suche, Wege, die durch Bewegung entstehen. Musik, die durch den Raum wandert, Dialoge, die sich zwischen Musikern und Tönen entspannen. Zeit, Raum und Klang werden miteinander verwoben, der Raum wird zum Klingen gebracht, der Klang wird ausgehöhlt und belebt sich neu mit unaufhörlicher Unruhe.

Die Schritte der zunächst leicht verunsicherten Zuhörer werden sicherer, es herrscht eine experimentelle Atmosphäre. Durch die Kellergänge wird das Publikum direkt auf die Bühne geführt und inmitten der Musikergruppen platziert. Sitzen, stehen, gehen, nur die High-Heels nicht klicken lassen, so die einführenden Worte Schneiders, der von Tönen am Rande der Wahrnehmbarkeit spricht, von Monteverdis Bedürfnis, das Publikum in Bewegung zu bringen, was ihm gleichermaßen ein politisches Statement sei.

Jana Baumeister als Fortuna, später als Melanto, dern Geliebten Telemacos (Ulisses Sohn), Katja Stuber als Amor und spätere Minerva und Thomas Mehnert als Tempo, der ebenfalls Nettuno und Antinoo singen wird, mischen sich unter das wandernde und stehende Publikum. „Zeit, Glück und Liebe kennen kein Mitleid.“ Die menschliche Zerbrechlichkeit, gesungen von Anja Bildstein, beklagt ihre existentielle Abhängigkeit von den höheren Mächten. Man nimmt es ihr ab und auch das Liebesglück von Melanto und Minseok Kim in der Rolle des Telemaco wird greifbar, wenn sie, sich haschend, durch die Zuschauer bewegen. Auch Penelope (Mary-Ellen Nesi) hat hier bereits ihren ersten dramatischen Auftritt und es gelingt ihr, die Zuschauer in ihren Bann zu ziehen.

Die Handlung ist bekannt: Seit 20 Jahren wartet Penelope auf die Heimkehr ihres Mannes, Odysseus, aus dem Krieg um Troja. Während alle am Hof Odysseus für tot halten, besteht Penelope darauf, dass er lebt. Sie beklagt ihre Einsamkeit und die demütigende Situation unter den Freiern, die sie zur Heirat drängen. Odysseus wird an den Strand seiner Heimat Ithaka gespült und Minerva bringt ihn listig an den Hof, wo er die Freier in einem Wettkampf mit seinem eigenen Bogen schlägt und schließlich Penelope davon überzeugen kann, dass er der ist, den sie ersehnt und doch nicht zu sehen glaubt.

David Pichlmaier (Ulisse) und Katja Stuber (Minerva) sind ein so wunderbares Team, dass man mittendrin versucht ist, Penelope zu vergessen. David Pichlmaier und Katja Stuber überzeugen nicht nur durch ihren Gesang, sondern auch durch ihre schauspielerische Leistung und die Verbindung zum Publikum. Es geht um Liebe, Heimat, Verrat, die Suche und das Ankommen. Antonio Machados letzte Gedichtzeilen „Wanderer es gibt keinen Weg, nur eine Kielspur im Meer“, treffen zu und wieder nicht, denn Odyssee endet in klassischer Hollywoodmanier mit einem Happy-End, ohne dabei kitschig zu werden, weil der Zuschauer spürt, dass der Preis für das Ankommen in den Armen der Geliebten ein hoher war und die Zeichen zudem auf künftige Familientragödie stehen, da Ulisses nicht nur die Freier, sondern offenbar auch das Liebes- und Lebensglück seines Sohnes vernichtet hat. Während Ulisse und Penelope sich in den Armen liegen, hebt der Sohn am Rand der Bühne das Messer: Vorhang!

Der musikalischen Leitung George Petrou, Joachim Enders und Elias Grandy ist eine Meisterleistung gelungen. Das Wagnis des Innovativen hat sich gelohnt, das Publikum war in Bewegung, physisch wie psychisch, die Stimmung war wie die Musik. Die Klangreise spiegelte sich im Verhalten des Publikums wieder: zunächst überrascht uns verhalten, dann neugierig und immer mutiger werden, um zu guter Letzt frenetisch mitzufiebern. „Keine Kunst im Elfenbeinturm, sondern neue Wege, um Musik in die Gesellschaft zu bringen.“ Nonos ästhetische Experimente und seine Auseinandersetzung mit neuen Klangformen finden sich in Darmstadt im Staatstheater wieder.

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