Karoline von Günderrode – eine Vergessene

„Ich habe keinen Sinn für weibliche Tugenden, für Weiberglückseligkeit.“

Den Wasserstrahl, eiskalt, gegen Stirn und Unterleib gerichtet, Tropf-, Sturz-, Wannen- und Dampfbäder. Wer noch nicht wahnsinnig ist, wird es.

Trauriges Bewusstsein. Moment der Freiheit, griffbereit. Nur mit dieser Hintertür lässt sich leben.

Karoline macht kein Geheimnis daraus. Bei Gesellschaften öffnet sie zuweilen das Samttäschchen, präsentiert ihn. Hat ihn stets dabei, ihren Dolch.

Die Leute nehmen sie nicht ernst. Bettine nennt sie scherzhaft Günther. Begierden wie ein Mann will Karoline, Männerkraft und Leidenschaft auf Augenhöhe.

Karoline lächelt, weiß, wozu sie fähig ist, sollten Leben und Gesellschaft unerträglich werden oder die Kopfschmerzen, die oft so stark sind, dass sie nur bei gedämpftem Licht sein, auf grünem Papier schreiben kann. Tratsch, Blasiertheiten, Affektiertheiten, Heuchelei und Bigotterie. Hauslehrer missgönnen Schulglück, Leben und Raufereien. Anstands- und Tanzunterricht für junge Damen, Reiten und Tontaubenschießen für die Herren. Den Haushalt machen Haushälterinnen, Küche und Essen besorgt eine Köchin, Diener bedienen, Karolines Langeweile wird von den Gästen serviert. Anstand gebietet das Löffeln. Ein Nicken hier. Ein Nicken da. Ja, meine Liebe, ich stimme Ihnen zu. Ja, Herr Justiziar, das haben Sie schön zum Ausdruck gebracht.

Still ist sie, ohne Widerworte, bürgerlich und gütig. Bettine von Arnim schreibt: „Sie war so sanft und weich in allen Zügen wie eine Blondine. Sie hatte braunes Haar, aber blaue Augen, die waren gedeckt mit langen Augenwimpern; wenn sie lachte, so war es nicht laut, es war vielmehr ein sanftes Girren, in dem sich Lust und Heiterkeit sehr vernehmlich aussprach.“

Karoline entstammt der höchsten Linie des Günderrodschen Geschlechts. Der Großvater kein Geringerer als Johann Maximilian, Regierungs-, Hofgerichts- und Consitorialrat des Landgrafen Wilhelm VIII. von Hessen-Kassel.

Ich höre sie nicht girren, sondern spüre ihren Überdruss in den miefigen Salons in Hanau, den einfallslos inszenierten Theaterstücken, in die die Mutter sie zwingt.

Nochmals Bettine: „Sie war schüchtern, freundlich und viel zu willenlos, als dass sie in der Gesellschaft sich bemerkbar gemacht hätte.“ Willenlos? Karoline? Sie schreit, so laut eine sanfte und stille Schönheit eben schreien darf.

Was sie ist? Zu was sie gemacht wird: ein Manschettenknopf auf Hochglanz poliert, bei Bedarf angelegt, zuweilen zu Hause vergessen, in der Kommode.

„Wäre ich doch ein Mann“, schreibt Karoline auf ihr grünes Papier. Nach wildem Schlachtengetümmel sehnt sie sich. Großes und Glänzendes, das ist es, was ihr gefällt.

Karoline im Damenstift, gekleidet in Badehemden, die bis auf die Erde reichen, oben mit Kragen und Knopf, auf dem Rücken unter dem braunen Haar gegürtet.

Begleitet vom Rat der Großmuter, sich nächstens dem Laufen zu enthalten, damit sich nichts anfedele. Dabei schräg gegenüber der Weiße Hirsch, darin Hölderlin, so nah. Stattdessen die Gesellschaft betagter, evangelisch-lutherischer Damen. Klatschereien sind im Stift untersagt, während in den Salons die Briefe der Damen zum Besten gegeben werden. Doppelbödigkeit, ohne dass einer der Böden trägt. Den Hyperion hätte man zerreden, nächtens laufen und anfelden können. Im Ordenskreuz die Inschrift: In diesem Zeichen Heil.

Karoline den Dolch im klösterlichen Gewande, nachts zur Geschichte der schönen Göttin und edlen Nymphe Kallipso zeichnend, dabei wäre eine Skizze von Judith köpft Holofernes um so vieles passender, Schwarz und Weiß, mit kräftigem Strich. Oder: als Ölgemälde, mit viel Rot.

Badekuren mit Kräutern, Schwefelzubereitungen und Schaukelanwendungen gegen nervöses Leiden, gegen Schwindsucht. Ein Sitz, der sich nur nach rechts und links drehen lässt. Vor und zurück darf nicht geschaukelt werden.

Einmal verliebt Karoline sich und ist sich dabei selbst im Weg. Wie geht es Ihrem Bruder?“, fragt Savigny sie auf dem Balkon im Leonhardischen Garten.

Vielleicht ist es ein großes Glück, dass er Karolines Freundin Gunda wählt.

Karoline ist dem Angebeteten im Weg, eine Querdenkerin und Intellektuelle, dem Herrn von Savigny zu klug und eigenständig. Alles, was er, Hermesnatur, besonnen, gewandt, frei von Begeisterung, will, ist Weiberglückseligkeit. Sein Plan: Reformator der Jurisprudenz, Kant der Rechtsgelehrsamkeit. Schmalsichtig ist er und ehrgeizig bis zum Blutsturz. Sie denkt: „Hätte der junge Mensch nicht etwas viel ordentlicheres fragen können?“

Vier Jahre des Versteckspielens: „Ich weiß nicht, mit welcher Hoffnung ich mich trotz einem traurigen Bewusstsein hinhalte, aber doch ist es so, ich kann es mir nicht verbergen, ein leiser dunkler Glaube ist noch in mir.“ Die Altergenossinnen heiraten, die Einsamkeit wird schneidend. Da hilft alle Bildung nichts, alles Philosophieren und Schreiben hilft da nichts. Und da ist auch ein männliches Autorenpseudonym nur als ein missglückter Rettungsversuch anzusehen.

Die Einheit von Ich und Welt will Karoline denken und leben. Die Welt lacht.

Einer lacht nicht, will mit ihr denken und schreiben, ist aber verheiratet, und feige. Seine Ehefrau stimmt sogar der Scheidung zu, Friedrich fürchtet den Skandal. Seine Freunde raten ihm, den Bund zu lösen: Eine bürgerliche Hausfrau liest keinen Schelling. Das soll Karoline aufgeben. Schelling eintauschen gegen eine bürgerliche Ehe. Zum Weinen lachhaft.

Brentano erklärt ihr, wie eine Frau zu sein hat: „Alles, was ihr tut, muss Liebreiz werden oder Pflege und hängt einzig mit eurer einzigen Bestimmung zusammen, uns zu locken und aus dem Staat in jedem Augenblick zum bloßen Leben zurückzuführen und dann Mutter zu werden. Große Handlungen eines Weibes sind mir immer durchaus fatal gewesen, wenn sie nicht von dem Geschlechtstriebe oder der Mütterlichkeit ausgehen, das Weib kann nie menschlich groß sein, ohne mir das ekelhafte Geheimnis der Unfruchtbarkeit zu verraten“. Gene weitergeben, fruchtbar sein. Mutter Erde. Den Mann locken und zum bloßen Leben führen. Pflanzenhaft. Eine Frau, die Großes und Glänzendes will, verrät ein ekelhaftes Geheimnis.

Libysche Amazonen. Gynokratie. Nur Frauen haben öffentliche Posten. Königin Myrina zieht mit dreißigtausend weiblichen Soldaten und dreitausend Kavalleristinnen durch Europa, von Syrien zur Ägäis. Schlägt männliche Armeen.

Karoline zur falschen Zeit am falschen Ort. Was bleibt? In Männerkleidern nach Russland reisen oder sich am Rheinufer erdolchen. Karoline, die nicht in Männerkleidern nach Russland flieht.

In Frauenkleidern geht Karoline am Rhein spazieren und zückt, mit kleiner Geste, den Dolch.

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