Auf der Suche nach der verlorenen Wahrheit

Eine Wiederbelebung Ingeborg Bachmanns

Wahrheit, was ist das? Diese Frage beschäftigte zu jeder Zeit und beschäftigt immer wieder aufs Neue Wissenschaftler, Philosophen, Schriftsteller, Juristen, Ärzte und „Normalbürger“ „Wahrheit ist ein Merkmal von Aussagen und Sätzen, aber auch des Denkens, der Erkenntnis und schließlich ein Merkmal des Seienden selbst“[1], verrät uns das Lexikon philosophischer Begriffe von Ulfig. „Die Wahrheit ist keine empirisch vorfindbare Eigenschaft eines Dinges, sie ist auch nicht etwas Selbstständiges, Reales, sondern ein Erkenntnischarakter, das Prädikat von Urteilen, ein theoretischer Wert.“[2], heißt es in dem philosophischen Wörterbuch Eislers. Immer wieder wird die adaequatio-Formel von Thomas von Aquin[3] – Veritas est adaequatio rei et intellectus – als Bezugs- und Ausgangspunkt gewählt. Heidegger sieht den Wahrheitsbegriff der abendländischen, philosophischen Tradition als abkünftig und versteht Wahrheit in so umfassendem Sinn, dass der Ausdruck kaum noch etwas mit dem zu tun hat, was er in der Alltagssprache bzw. in der späteren philosophischen Tradition meint.[4] Jaspers[5] hingegen bewahrt alle bisherigen Bestimmungen und versucht, Wahrheit in eine unbefangene Synthese zu bringen, die den umfassenden Sinn von ‚Wahrsein’ ausmacht. Die Philosophie der Neuzeit geht in der Folge von einer Gleichsetzung von Wahrheit und Gewissheit (Subjektivierung) aus, wobei im Großen und Ganzen zwei Tendenzen zu beobachten sind: 1. Identifikation von Wahrheit, Gewissheit und Wille 2. Reduzierung auf formal-logische und logisch-sprachliche Dimensionen. Wittgenstein[6] – ein in Zusammenhang mit Ingeborg Bachmann wichtiger Philosoph – vertritt die These, dass in Bild und Abgebildetem etwas identisch sein müsse, damit das eine überhaupt ein Bild des anderen sein könne. In der Wahrheit gelängen Sachverhalt und Sache zur Deckung und stellten somit ein Identisches dar (Wahrheit als Identität der Momente). So lange diese Identität nicht erreicht und erläutert sei, bleibe man bei einem äußerlichen Begriff von Wahrheit. Der Sprechende/Erkennende als der Behauptende (Bezeichnende/ Meinende) und die Sache selbst blieben sich äußerlich. Solle die Sache selbst getroffen, bezeichnet, erreicht, erfasst werden, sei dies etwas der Sache Innerliches. In dem Maß, in dem die Idee sprachlich artikuliert werde, ändere sich die “gewöhnliche” sprachliche Artikulation selbst. Das behauptende Subjekt (Ich) und das Satzsubjekt (Aussage) wandelten sich so, dass die Sache selbst als eigentliches sprachliches und sachliches Subjekt auftrete.

Ingeborg Bachmanns Texte und Erzählungen kreisen immer wieder um den Wahrheitsbegriff. Ihre Rede zur Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden betitelt sie mit: Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.[7] In der Preisrede ist die Verknüpfung von Leid und Wahrheit nicht nur produktions-, sondern auch rezeptionsästhetisch gedacht. Der Schmerz soll uns sowohl für die Erfahrung als auch für die Wahrheit empfindlich machen und die Aufgabe des Schriftstellers ist es, den Schmerz wahrzuhaben, um andere zur Wahrheit zu ermutigen. Dementsprechend versteht Ingeborg Bachmann Wahrheit nicht nur als etwas zumutbares, sondern geradezu als Ziel: „Ich glaube, dass dem Menschen eine Art des Stolzes erlaubt ist – der Stolz dessen, der in der Dunkelhaft der Welt nicht aufgibt und nicht aufhört nach dem Rechten zu sehen.“[8]

Auch in den von Ingeborg Bachmann verfassten Literaturkritiken lassen sich Schlüsselbegriffe ausmachen, welche die Position der Autorin markieren. In einem Proust-Essay ist die Rede davon, dass dem Autor der Sinn nicht nach Romantik stehe, sondern nach der Wahrheit und nach nichts als der Wahrheit.[9] Über Bernhard sagt Ingeborg Bachmann: „Müssen, die Notwendigkeit, das Unausweichliche – Ethik der Wahrheit, Wahrheit der Ethik – prägten sein Werk.[10] In einem anderen Essay über Joyce, Proust, Kafka und Musil[11] wird deutlich, wie für Ingeborg Bachmann Wahrheit und literarisches Schaffen unabdingbar miteinander verknüpft sind. Für sie muss Sprache sich immer wieder um die Wahrheit bemühen, auch wenn sie hundert Mal an ihre Grenzen stößt.[12]

Ingeborg Bachmann spricht sich wiederholt dafür aus, dass nur die eigene Erfahrung, das eigene Denken und die eigenen Wirklichkeitsbestimmungen literarische Qualität garantierten und dass Experimente ohne Erfahrung ins Leere führten.[13] Sie plädiert für eine wahre, von Wirklichkeit erfüllte Literatur der authentischen Erfahrung und Realitätsnähe[14] und ist der Auffassung, dass es der Literatur nicht schlicht um Abbildungsrealismus und Widerspiegelung gehen könne, sondern dass Literatur zu neuer Wahrnehmung, neuem Gefühl, neuem Bewusstsein führen müsse, da alleine der poetische Diskurs ästhetische Wahrheit zu produzieren vermöge.[15]

In dem Erzählband Das dreißigste Jahr, dessen Erzählungen in den Jahren 1956 und 1957 entworfen wurden, wird der Begriff der Wahrheit vorwiegend im Sinne Derridas verwendet, sozusagen parenthetisch: Er ist eigentlich unrichtig, aber dennoch notwendig. Unrichtig, da dieses Abstraktum lediglich in seiner Abwesenheit, d.h. ex negativo definiert wird und notwendig, weil Wahrheit den Status dessen zugeschrieben bekommt, wonach die Protagonisten verzweifelt streben.[16] Das dreißigste Jahr ist ein Zyklus einzelner, eng aufeinander bezogener Texte, in denen es um die Darstellung existentieller Krisen aufgrund des Widerspruchs individueller Ansprüche und gesellschaftlicher Zwänge geht. Die Revolten richten sich gegen Ordnungen, die als patriarchalisch gelten können, gegen die Überbewertung der Ratio zuungunsten gefühlsmäßiger Ansprüche und gegen eine ins logische Korsett gezwängte Sprache.

Exemplarisch sei die Erzählung Ein Wildermuth aus diesem Erzählband herausgegriffen. In dieser Erzählung, die erstmals 1961 erschien, wird die Suche nach einer absoluten Wahrheit zum zentralen Thema – das Substantiv Wahrheit, inklusive diverser Komposita, wird in der Erzählung insgesamt 133 Mal wiederholt.[17] Der Text konstituiert sich als systematische Dekonstruktion eines sprachlich zentrierten Wahrheitsbegriffes. Das einleitende Motto „Ein Wildermuth wählt immer die Wahrheit“[18] bereitet die Deutung der Erzählung bereits vor. In der Wahl des Namens Wildermuth – den sowohl der Angeklagte als auch der Richter tragen – wird das Element des Anarchischen (wilder Mut) mit einem absoluten Wahrheitsprinzip gleichgesetzt: Eine zügellose, wilde Natur existiert als reine Größe in der Wahrheit. Die Tatsache, dass sowohl der Richter als auch der Angeklagte den Namen tragen, lässt erste Zweifel an einer alleinig möglichen Wahrheit aufkommen. Derselbe Name bezieht sich auf zwei Individuen, die in einer oppositionellen Konstellation stehen: Der Richter auf der einen und der des Mordes angeklagte Landarbeiter auf der anderen Seite. Die Namensgleichheit zwischen dem Vatermörder und der moralischen Instanz des Gerichts stellt die moralische Integrität des „Wildermuth-Geschlechts“ in Abrede. Als der Angeklagte nach einem zunächst freimütigen und geradlinigen Geständnis der Tat, unter dem Motiv des Hasses, auf einmal anfängt, sein Geständnis zu widerrufen, gerät die Frage nach der Wahrheit immer mehr ins Wanken. Der Richter sieht sich in seinem lebenslangen Glauben an eine mimetische Sprache „an Recht und Wahrheitsfindung, an Urteil und Strafausmaß“[19] massiv erschüttert. Thematisiert wird in erster Linie der ethische Aspekt der Sprachproblematik. Sowohl der Richter als auch der Angeklagte können sich nicht damit abfinden, „daß die eine Wahrheit genügt, die ans Licht kommen kann, und daß die andere Wahrheit nicht daherkommt … Daß wir von der brauchbaren Wahrheit den brauchbarsten Zipfel benutzen.“[20]

In ihren Erzählungen führt uns Ingeborg Bachmann immer wieder vor Augen, dass Sprache als Garant der Wahrheit an ihre Grenzen gerät, ganz im Sinne der Grenze der Erkenntnis in Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus.

[1] Ulfig A., Lexikon der philosophischen Begriffe, 1997, S. 460

[2] Eisler R., Wörterbuch der philosophischen Begriffe, 1930, S. 450

[3] Quastiones disputatae der Veritate; Summa Theologica

[4] Vgl. Krings et al., Handbuch philosophischer Grundbegriffe, 1974

[5] Vgl. Jaspers K., Von der Wahrheit, 1991

[6] Neben Heidegger, über den Ingeborg Bachmann 1949 ihre Dissertation Die kritische Aufnahme der Existentialphilosophie Martin Heideggers schrieb, hatte Wittgensteins Begriff der Grenze der Sprache (Tractatus logico-philosophicus) einen starken Einfluss auf das philosophische und poetologische Denken Ingeborg Bachmanns.

[7] Vgl. Ingeborg Bachmann, Werke 4. Band, 1978, S. 257-277

[8] Ingeborg Bachmann, Werke 4. Band, 1978, S. 277

[9] Vgl. Ingeborg Bachmann, Werke 4. Band, 1978, S. 159

[10] Ingeborg Bachmann, Werke 4. Band, 1978, S. 363

[11] Vgl. Ingeborg Bachmann, Werke 4. Band, 1978, S. 191 ff.

[12] Was Ingeborg Bachmann hier fordert und mit den Begriffen der Wahrheit und Wahrhaftigkeit bezeichnet, wird von Christa Wolf mit dem Begriff der Authentizität belegt.

[13] Vgl. Ingeborg Bachmann, Werke 4. Band, 1978, S. 191

[14] Vgl. Hiebel H., Ingeborg Bachmanns literarische Urteile, 1995

[15] Vgl. Ingeborg Bachmann, Werke 4. Band, 1978, S. 195

[16] Vgl. Pilipp F., Ingeborg Bachmanns Das dreißigste Jahr, 2001, S. 99

[17] Vgl. Pilipp F., Ingeborg Bachmanns Das dreißigste Jahr, 2001, S. 102

[18] Ein Wildermuth, Ingeborg Bachmann, Werke 2. Band, 1978, S. 214

[19] Ein Wildermuth, Ingeborg Bachmann, Werke 2. Band, 1978, S. 217

[20] Ein Wildermuth Ingeborg Bachmann, Werke 2. Band, 1978, S. 251,
Vgl. Bartsch, K., Ingeborg Bachmann, 1988

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