Karoline von Günderrode – eine Vergessene

„Ich habe keinen Sinn für weibliche Tugenden, für Weiberglückseligkeit.“

Den Wasserstrahl, eiskalt, gegen Stirn und Unterleib gerichtet, Tropf-, Sturz-, Wannen- und Dampfbäder. Wer noch nicht wahnsinnig ist, wird es.

Trauriges Bewusstsein. Moment der Freiheit, griffbereit. Nur mit dieser Hintertür lässt sich leben.

Karoline macht kein Geheimnis daraus. Bei Gesellschaften öffnet sie zuweilen das Samttäschchen, präsentiert ihn. Hat ihn stets dabei, ihren Dolch.

Die Leute nehmen sie nicht ernst. Bettine nennt sie scherzhaft Günther. Begierden wie ein Mann will Karoline, Männerkraft und Leidenschaft auf Augenhöhe.

Karoline lächelt, weiß, wozu sie fähig ist, sollten Leben und Gesellschaft unerträglich werden oder die Kopfschmerzen, die oft so stark sind, dass sie nur bei gedämpftem Licht sein, auf grünem Papier schreiben kann. Tratsch, Blasiertheiten, Affektiertheiten, Heuchelei und Bigotterie. Hauslehrer missgönnen Schulglück, Leben und Raufereien. Anstands- und Tanzunterricht für junge Damen, Reiten und Tontaubenschießen für die Herren. Den Haushalt machen Haushälterinnen, Küche und Essen besorgt eine Köchin, Diener bedienen, Karolines Langeweile wird von den Gästen serviert. Anstand gebietet das Löffeln. Ein Nicken hier. Ein Nicken da. Ja, meine Liebe, ich stimme Ihnen zu. Ja, Herr Justiziar, das haben Sie schön zum Ausdruck gebracht.

Still ist sie, ohne Widerworte, bürgerlich und gütig. Bettine von Arnim schreibt: „Sie war so sanft und weich in allen Zügen wie eine Blondine. Sie hatte braunes Haar, aber blaue Augen, die waren gedeckt mit langen Augenwimpern; wenn sie lachte, so war es nicht laut, es war vielmehr ein sanftes Girren, in dem sich Lust und Heiterkeit sehr vernehmlich aussprach.“

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Auf der Suche nach der verlorenen Wahrheit

Eine Wiederbelebung Ingeborg Bachmanns

Wahrheit, was ist das? Diese Frage beschäftigte zu jeder Zeit und beschäftigt immer wieder aufs Neue Wissenschaftler, Philosophen, Schriftsteller, Juristen, Ärzte und „Normalbürger“ „Wahrheit ist ein Merkmal von Aussagen und Sätzen, aber auch des Denkens, der Erkenntnis und schließlich ein Merkmal des Seienden selbst“[1], verrät uns das Lexikon philosophischer Begriffe von Ulfig. „Die Wahrheit ist keine empirisch vorfindbare Eigenschaft eines Dinges, sie ist auch nicht etwas Selbstständiges, Reales, sondern ein Erkenntnischarakter, das Prädikat von Urteilen, ein theoretischer Wert.“[2], heißt es in dem philosophischen Wörterbuch Eislers. Immer wieder wird die adaequatio-Formel von Thomas von Aquin[3] – Veritas est adaequatio rei et intellectus – als Bezugs- und Ausgangspunkt gewählt. Heidegger sieht den Wahrheitsbegriff der abendländischen, philosophischen Tradition als abkünftig und versteht Wahrheit in so umfassendem Sinn, dass der Ausdruck kaum noch etwas mit dem zu tun hat, was er in der Alltagssprache bzw. in der späteren philosophischen Tradition meint.[4] Jaspers[5] hingegen bewahrt alle bisherigen Bestimmungen und versucht, Wahrheit in eine unbefangene Synthese zu bringen, die den umfassenden Sinn von ‚Wahrsein’ ausmacht. Die Philosophie der Neuzeit geht in der Folge von einer Gleichsetzung von Wahrheit und Gewissheit (Subjektivierung) aus, wobei im Großen und Ganzen zwei Tendenzen zu beobachten sind: 1. Identifikation von Wahrheit, Gewissheit und Wille 2. Reduzierung auf formal-logische und logisch-sprachliche Dimensionen. Wittgenstein[6] – ein in Zusammenhang mit Ingeborg Bachmann wichtiger Philosoph – vertritt die These, dass in Bild und Abgebildetem etwas identisch sein müsse, damit das eine überhaupt ein Bild des anderen sein könne. In der Wahrheit gelängen Sachverhalt und Sache zur Deckung und stellten somit ein Identisches dar (Wahrheit als Identität der Momente). So lange diese Identität nicht erreicht und erläutert sei, bleibe man bei einem äußerlichen Begriff von Wahrheit. Der Sprechende/Erkennende als der Behauptende (Bezeichnende/ Meinende) und die Sache selbst blieben sich äußerlich. Solle die Sache selbst getroffen, bezeichnet, erreicht, erfasst werden, sei dies etwas der Sache Innerliches. In dem Maß, in dem die Idee sprachlich artikuliert werde, ändere sich die “gewöhnliche” sprachliche Artikulation selbst. Das behauptende Subjekt (Ich) und das Satzsubjekt (Aussage) wandelten sich so, dass die Sache selbst als eigentliches sprachliches und sachliches Subjekt auftrete.

Ingeborg Bachmanns Texte und Erzählungen kreisen immer wieder um den Wahrheitsbegriff. Ihre Rede zur Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden betitelt sie mit: Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.[7] In der Preisrede ist die Verknüpfung von Leid und Wahrheit nicht nur produktions-, sondern auch rezeptionsästhetisch gedacht. Der Schmerz soll uns sowohl für die Erfahrung als auch für die Wahrheit empfindlich machen und die Aufgabe des Schriftstellers ist es, den Schmerz wahrzuhaben, um andere zur Wahrheit zu ermutigen. Dementsprechend versteht Ingeborg Bachmann Wahrheit nicht nur als etwas zumutbares, sondern geradezu als Ziel: „Ich glaube, dass dem Menschen eine Art des Stolzes erlaubt ist – der Stolz dessen, der in der Dunkelhaft der Welt nicht aufgibt und nicht aufhört nach dem Rechten zu sehen.“[8]

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wie weit wollen wir gehen?

Spiegel online; Samstag, 04.10.2014 – 00:43 Uhr

Schweden: Frau bringt Baby nach Gebärmutter-Transplantation zur Welt

Aus Schweden wird ein Erfolg in der Transplantationsmedizin gemeldet: Dort wurde einer Frau eine Spender-Gebärmutter eingesetzt, schon bald darauf wurde sie schwanger. Jetzt kam ihr Sohn zur Welt.

Eine Schwedin hat nach einer Gebärmutter- Transplantation einen Sohn zur Welt gebracht. Nach Angaben der Ärzte ist es das erste Mal, dass dies gelingt. Die Mutter ist 36 Jahre alt. Sie soll das Organ erst im vergangenen Jahr erhalten haben.

Das Baby kam zu früh, dafür aber gesund zur Welt. Beide sind mittlerweile zu Hause. „Es war eine ziemlich harte Reise“, sagt der Vater gegenüber der Nachrichtenagentur AP. „Jetzt haben wir ein ganz wunderbares Baby. Er ist sehr, sehr niedlich. Und er schreit nicht einmal, er mault nur.“ Anders als andere Kinder sei das Baby nicht, aber: „Er wird eine gute Story zu erzählen haben.“Die Eltern wollen anonym bleiben, beide sollen Leistungssportler sein. Die Mutter war ohne Uterus zur Welt gekommen, die Eierstöcke waren gesund. Das Transplantat bekam sie laut eines Berichts im britischen „Telegraph“ von ihrer Mutter.

heiligt der Zweck alle Mittel? wie weit wollen wir gehen?

der Einzelfall mag immer als Einzelfall begründbar sein …

und wenn es ums Überleben geht, müssen wir eine andere Diskussion führen

doch eine Uterustransplantation, um schwanger zu werden?

eine Embryonenspende, um schwanger zu werden?

ich habe keine Antworten darauf, finde die fehlende Reflexion und Diskussion allerdings erschreckend

müssen wir alles machen, was möglich ist?

Anspruch auf Lärm

Dass es so etwas wie einen Anspruch auf Ruhe gibt, leuchtet mir ein. Aber ein Anspruch auf Lärm? noch dazu im Krankenhaus?

Die Asklepios Kliniken machen es wahr: wer dort einzieht, hat keinen Anspruch auf Lärm – wo kämen wir da hin, wer würde da gesund werden? denn wir erfahren zugleich, dass Ruhe den Heilungsprozess fördern kann – wer hätte das gedacht?

Hausordnung §4: Ruhe kann Ihren Heilungsprozess und auch den Ihrer Mitpatienten fördern. Halten Sie daher die Mittagsruhe von 12.30 bis 14.00 Uhr und die Nachtruhe zwischen 22.00 und 6.00 Uhr ein. Aber auch außerhalb diser Zeiten besteht kein Anspruch auf Lärm.

zudem: bald machen die Hausordnungen der Kliniken jeden Ratgeber überflüssig: § 30: Selbstverständlich sind solche Handlungen, die aus therapeutischen Gründen erfolgen und durchgeführt werden, stets zulässig.

da sind wir aber froh, dass therapeutische Handlungen wenigstens im Krankenhaus zugelassen sind, sehr großzügig!

und auch ethisch, moralisch und ökologisch kann die Hausordnung der Asklepios Kliniken einiges zur Erziehung der Bürger beitragen, wie etwa in § 23: Bitte hinterlassen Sie WC und Parkbänke so, wie Sie sie gerne vorfinden würden (was da so in einem Atemzug genannt wird.

und natürlich: § 18: Bitte beachten auch Sie die Abfalltrennung und geben Sie Sonderabfall (z.B. Batterien) bei der Stationsleitung ab.

Man lernt nie aus. Danke Asklepios!